Etwas überrascht und trotzdem sehr erfreut war ich von dem Bescheid über den Wettbewerbgewinn. Vor allem habe ich so etwas vorher noch nie gemacht.

Nun, Fotos gibt es jede Menge von Selina. Ein Portrait nicht. Während den zehn Jahren die sie jetzt bei uns ist, wurden laufend Fotos gemacht und jeweils mit einem Kommentar vermerkt. Damit man noch weiss, wann, was und wo gemacht wurde. Jetzt habe ich mir gedacht, ich mache so was wie einen Lebenslauf von unserer Stute und werde das Ganze mit Fotos etwas auflockern.

Als erstes möchte ich erwähnen, dass ich mir dieses Pferd als Freizeit- und Familienpferd gekauft habe. Sie wird regelmässig im Gelände geritten und in der wärmeren Jahreszeit am Wagen gefahren. Dann führe ich ab und zu meinen 5-jährigen Sohn Simon im Schritt auf kleinere Ausritte. Und gelegentlich nehme ich auch an Patrouillenritten und Distanzfahrten teil. Alles plauschhalber. Auch an der Beständeschau habe ich sie schon gezeigt, worauf ich später noch zurückkomme.

Meine Familie und ich lieben dieses Pferd vor allem wegen ihrer guten Charaktereigenschaften. Es sind dies Ehrlichkeit, Gutmütigkeit, Sanftmut ... einfach und unkompliziert. Ich glaube, dass geht noch mehreren Vollblutaraber-Besitzern so. Seit Selina bei uns ist, wird sie täglich von uns umsorgt, gefüttert gepflegt und bewegt. Dieser tägliche Kontakt gibt schon eine einzigartige Bindung von Mensch und Tier. Man könnte sagen, sie geht mit mir durch dick und dünn. Nun wünsche ich allen Lesern viel Spass beim Durchlesen, und vielleicht liest man später auch mal andere Portraits. Für Fragen stehe ich natürlich gerne zur Verfügung.

 

Das ganze begann im August 1992:
Lange schon war mein innigster Wunsch ein eigenes Pferd. Ich begann schon mit 10 Jahren zu reiten. Ein Vollblutaraber sollte es schon immer sein. Dieser Wunsch hat sich schon seit meinem 14. Lebensjahr gefestigt. In der Zeitschrift "Schweizer Pferdemagazin" wurde ein Bericht über einen Vollblutaraber-Hengst geschrieben. Von da an war ich fasziniert. Ich wusste, wenn mal ein eigenes Pferd, dann einen Vollblutaraber. Im Sommer 1992 (ich war 25 Jahre alt) fand ich einen Stall in unserem Dorf. Dann ging die Suche los.

Durch ein Inserat kam ich auf das Gestüt El Sol von Walter Rothen in Einigen. Den ganzen Nachmittag verbrachten mein Mann und ich mit Pferde anschauen. Ein Wallach, etwa 4-jährig, sollte es sein; ich wollte ja gleich reiten. Sicher zehn Hengste jeden Alters wurden mir gezeigt. Aber keiner hat mich richtig angesprochen. Ich hatte mir das irgendwie anders vorgestellt. Bei so vielen Pferden musste doch das Richtige dabei sein. Doch bei den männlichen Tieren war keines dabei. Herr Rothen zeigte mir noch die Stuten, die mich zuerst nicht richtig interessierten. Nun ja, wenn wir schon da sind ... Und dann, was war dass? Das letzte Pferd. Ich betrachtete sie zuerst kaum. "Ist die noch klein ... wie alt??? 14 Monate!" Ich wollte doch ein Pferd zum reiten. Herr Rothen liess mich mit der Stute allein. Nach etwa einer Viertelstunde ist das passiert, worauf ich die ganze Zeit gewartet hatte. Das war das Pferd, das ich wollte. Noch war ich mir nicht ganz sicher. Noch zwei Jahre warten, bis ich sie reiten kann. Nach einem Gespräch mit meinem Mann habe ich Herrn Rothen zugesagt und das Stütchen war gekauft.

 

 

Einen Monat später stand sie bei uns im Stall. Seit diesem Tag gehen wir täglich zu ihr in den Stall. Wir sind Selbstversorger.

Dann hiess es Spazieren gehen, Pflegen, Bodentraining, Gehorsamübungen etc. Überhaupt nicht langweilig. Was ich auch mit ihr probierte, es ging toll mit ihr.

 

 

Mit 2 3/4 Jahren haben wir sie zum ersten mal vor den Wagen gespannt. Auch dies ohne weitere Probleme. Wie dies so üblich ist, macht man dies zuerst 2-spännig.

 

 

Sie hat aber relativ schnell gemerkt, dass wenn sie zurück steht, nicht ziehen muss. Mein Kollege, der uns beim Einfahren behilflich war, sagte beim zweiten mal 2-spännig fahren, als es immer noch nicht besser war, er wisse etwas dagegen.

Wir kehrten um, spannten beide Pferde aus, Selina wurde wieder eingespannt und wir gingen einspännig! Jetzt musste sie ziehen. Mein Herz schlug bis zum Hals vor Aufregung. Sie hatte aber schnell kapiert und nach ca 20 Metern ging sie geradeaus, wie wenn sie nie etwas anderes gemacht hätte. Von da an wurde es interessant. Hatten die Leute doch lange genug gespottet, als ich mit dem angeschirrten Pferd ohne Wagen spazieren ging. Jetzt hatte ich einen Wagen.

 

 

Dann mit etwa drei Jahren durfte Selina die Ausbildung zum Reitpferd im Reitstall von Dressurreiter Otto Hofer geniessen. Da dieser Stall im benachbarten Dorf ist, wurde ich in die Ausbildung integriert. Es war toll. Die Ausbilder und Pfleger schwärmten nur so von meiner Stute. Was sie schon alles konnte und wie sie schön mitmachte. Die Vorarbeit hatte sich bewährt. Sie erntete nur Lob, waren auch sie zuerst alle etwas skeptisch. Die Fortschritte gingen voran. Drei Monate später ritt ich vom Stall nach Hause (ca 12km). Zum ersten mal im Gelände mit meinem Pferd. Ich hatte riesige Freude und zu Hause im Stall wurden wir herzlich empfangen.

 

 

1997 kündigte sich bei mir Nachwuchs an. Ich ritt bis ca zum fünften Monat und nachher ging Selina mehrheitlich am Wagen. Selina wurde während meiner Schwangerschaft relativ wenig geritten, danach konnte ich aber einfach wieder aufsteigen und wegreiten. Es ist Verlass auf sie.

 

 

Auch besuchten wir Patrouillenritte und Distanzfahrten. Wie gesagt mache ich solche Anlässe nur plauschhalber mit. Deshalb ist auch die Rangierung nicht erste Priorität. Der beste Patrouillenritt war ein 4. Rang und die beste Distanzfahrt ein 7. Rang von jeweils ungefähr 30-35 Teilnehmern. Natürlich ist die Freude dann gross. Vor allem bin ich bei uns in der Region immer die einzige mit einem Vollblutaraber.

 

 

1999 fuhren mein Mann und ich mit acht weiteren Gespannen von Schaanwald/FL ins benachbarte Österreich an ein Kutschentreffen im Klostertal. Die Anfahrt war ca 50 km. Dort blieben wir zwei Tage und am dritten Tag fuhren wir wieder zurück.

 

 

Es nahmen ca 60 Gespanne aus Deutschland/Liechtenstein/Schweiz und Österreich teil. Wir waren auch dort wieder die einzigen mit einem Vollblutaraber. Und wir kamen gut bei den Leuten an. Hatte es doch sehr viele Zuschauer beim Umzug im Dorf. Selina hat die Nerven behalten bei diesem Getummel und den vielen Leuten.

 

 

Mit der Zeit begannen wir uns dann auch etwas mit der Zucht und den verschiedenen Abstammungen zu beschäftigen. Selina el Sol ist spanisch-ägyptisch gezogen. Ihre Mutter ist Bafran Sfengrita aus der Sfendj v Gual Grit. Und ihr Vater ist Bafran Ibn El Shaklan aus der Laida v El Shaklan.

Mein Mann und ich sind im Laufe der Zeit einige Pferde anschauen gegangen, an Schauen, Privat oder einfach von neuen Bekanntschaften. Wir zeigten Selina ein paar mal an der Beständeschau und 1999 gelang es ihr dann endlich, in den Rapell zu kommen. Zuvor reichte es immer nur um 1/10 Punkt nicht. Sie brauchte einfach lange, bis sie vollständig entwickelt war.

Im Frühjahr 2000 entschieden wir dann, dass wir aus unserer Stute ein Fohlen züchten wollen. Den Hengst dazu hatten wir schon lange gefunden. So fuhren wir dann mit ihr zu der Familie Riedesel nach Beinwil. Die nächsten zwei Wochen verbrachte sie bei den Riedesels und dem Hengst Modawi (aus der Mohara v Ibn Estopa).

 

 

Das Resultat dieser "Ferien", wie wir damals unserem 3-jährigen Sohn erzählten, war am 29. Mai 2001 ein hübsches gesundes Hengstfohlen Namens Saalim el Modawi.

 

 

Obwohl Selina mit erst zehn Jahren zum ersten Mal Mutter wurde, war sie eine vorzügliche Mama. Sie umsorgte den Kleinen wunderbar. Auch uns gegenüber war sie sehr korrekt. Sie hat alles zugelassen, was wir mit ihr oder dem Fohlen anstellten (Halfter anziehen, führen, anbinden, Füsse aufheben etc). Sie wurde nie hysterisch oder ängstlich. Sie blieb ganz locker und vertraute uns.

 

 

Als Saalim etwa vier Wochen alt war, gingen wir mit den beiden spazieren, später ausreiten und ausfahren. Mitte August 2001 fand dann noch die Beständeschau statt, bei der wir ebenfalls teilnahmen mit dem Fohlen. Saalim el Modawi war der jüngste in der Hengstfohlenkategorie und kam aber schon als erster in den Rapell. Wir hatten einen riesigen Stolz. Obwohl er ein richtiger Spitzbube war und immer noch ist, haben wir ihm einiges zeigen können, das sich heute noch bewährt.

 

 

Auch der Tierarzt und Hufschmied hatten Freude an dem Guterzogenen Hengstfohlen. Dann auf einmal war diese aufregende Zeit vorbei und wir mussten den Kleinen Absetzen. Ich wartete voller Angst auf diesen Tag. An der Beständeschau lernten wir seinen zukünftigen Weidekollegen Faraon Ibn Moghar kennen, der ebenfalls in den Rapell kam. (Leider wurden die vier Hengstfohlen, die in den Rapell kamen, nirgendwo veröffentlicht ausser im Info des SZAP.)

 

 

Anfangs Dezember 2001, mein zweiter Sohn war gerade vier Wochen alt, fuhren wir dann mit der Stute und dem Fohlen in den Kanton Thurgau. Wir luden die beiden aus und Saalim wurde zu seinem neuen Kollegen auf die Weide geführt. Selina hat dem Kleinen noch etwas zugewiehert und er natürlich geantwortet, aber nach einer guten Viertelstunde kehrte Ruhe ein. Ich stand mit Selina am Zaun und die beiden Jungs hatten genug mit sich zu tun. Die Mutter von Faraon sah das nicht so eng. Ihr Junge war ja noch in der Nähe. Dann lud ich Selina in den Hänger. Ich konnte es kaum glauben, sie stieg ein, wir schlossen die Klappe und fuhren nach Hause. Mir brach es fast das Herz (ihr bestimmt auch) aber sie liess sich nichts anmerken. Die nächsten Tage gingen wir viel ausreiten und wurde verwöhnt mit Rüebli und Grassilo.

 

 

Um sie ein wenig abzulenken ging ich viel mit meiner Kollegin und ihrem Pferd reiten. Das gefällt ihr sowieso am besten. Der Alltag war schnell wieder eingekehrt. Den Kleinen gehe ich praktisch jeden Monat einmal besuchen.

 

 

Und wenn man die Pferde nicht jeden Tag um sich hat, sieht man erst wie sie sich im ersten Jahr entwickeln. Jetzt mit 1 1/2 Jahren ist er schon ein ganz prächtiger Kerl.

 

 

Bald kommt die Zeit, wo er nach Hause kann. Dann wartet wieder viel Arbeit auf ihn und mich!! Ich werde mit ihm den selben Weg einschlagen wie mit Selina. Ich freue mich schon darauf.

Jetzt noch etwas zum Schluss: Als wir vor vier Jahren in unser Haus zogen, kam mir dieses "Schweizer Pferdemagazin" mit dem Bericht über den Vollblutaraber in die Finger. Ich hatte das Heft aufbewahrt. Was ich sah, glaubte ich kaum. Dieser Hengst war kein anderer als ... "El Shaklan" ... Jetzt war mir dieser Name natürlich ein Begriff. Es ist ja schliesslich der Grossvater von meiner Selina. Ist das nicht ein lustiger Zufall??

 

 

Also liebe Leserinnen und Leser, ich hoffe euch hat der Lebenslauf und die Fotos meiner Stute etwas gefallen. Wer Lust, hat darf gerne mit mir Kontakt aufnehmen. Vielleicht um Erfahrungen auszutauschen? Oder einfach so. Gesprächsstoff hat man ja genügend mit so guten Pferden.

Meine Adresse: Alexandra Dörig, Carnolweg 2, 9475 Sevelen
Tel. 081/785 29 85 oder 079/792 92 47

 

 

Herzlichen Dank auch noch an Franja Stump,
die diesen tollen Bericht ermöglichte.

Es grüsst Euch Alexandra Dörig
mit Selina el Sol und Saalim el Modawi.

Sevelen im Januar 2003

Nachtrag:
Selina ist 2009 auf die immergrünen Weiden entsprungan.