der Araber im Sport:

 

 

Widmung:
für Franja Stump und alle Leser von Araber-Online ...
über das Distanzreiten und Arabische Pferde aus meiner Sicht

liebe Grüsse Brigit Kaelin, Siglisdorf 18. September 2002

 

 

was ist Distanzreiten?

die Prüfungen

Schweizerische Distanzreiter Vereinigung SDV

welche Pferde eignen sich für den Distanzsport?
wie sieht das ideale Endurancepferd aus?

Arabische Pferde im Endurance Sport

die Haltung

die Fütterung

die Winterpause

das Training

Management eines Distanzpferdes

eigene Erfahrungen

Dank an Brigit Kaelin und Kouhnama

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was ist Distanzreiten?

Der Name der Sportart sagt bereits, worum es geht: man reitet eine Distanz. In der Praxis sieht es so aus, dass ein Veranstalter verschiedene Prüfungen von 20-160 km ausschreibt und der Reiter die Kilometer der gewählten Prüfung mit seinem Pferd absolviert. Geritten wird im Gelände und meist in "Schlaufen" von 20-50 km. Leider gibt es viel zu selten Ritte, die nur aus einer einzigen Schlaufe bestehen (Bsp 90, oder 130 km etc).

Unterwegs werden die Paare von Mitgliedern ihres Teams (das sich jeder Reiter selbst zusammenstellt) betreut. Dh ungefähr alle 10 km ist es den Grooms erlaubt, auf ihre Reiter und Pferde zu warten und Wasser und Nahrung anzubieten. Ohne Grooms ist das Reiten von mittleren und langen Endurance-Prüfungen nicht denkbar. Denn Pferd, Reiter und Grooms bilden ein Team, dass nur gemeinsam erfolgreich sein kann. Das beste Pferd reicht nicht aus zum Sieg, wenn die Grooms sich verfahren oder zu spät im Vet-Gate erscheinen, Material vergessen oder schlechte Laune haben!

Das schöne an Endurance ist, dass Freunde oder die ganze Familie an dem Erlebnis teilhaben können. Reiten Vater, Mutter oder Schwester, kann der Rest der Familie aktiv dazu beitragen, dass Pferd und Reiter gut abschneiden. Gerade Kinder und Jugendliche lieben dieses Outdoor-Abenteuer sehr! Viele Distanzreiter werden von ihren Partnern betreut, die sich meist schnell vom Distanzvirus infizieren lassen und dann vom Groomen ebenso angefressen sind, wie die Reiter vom Reiten.

Vor und nach dem Ritt wird das Pferd einem Tierarzt vorgeführt, der einen Routine-Standard-Untersuch gemäss dem aktuellem Reglement vornimmt. Bei längeren Distanzen gibt es nach 25-40 km eine Pause von jeweils 30-40 Minuten, damit Pferd und Reiter verschnaufen können. In diesen Pausen muss das Pferd ebenfalls einem Tierarzt präsentiert werden. Nach der Kontrolle hat das Pferd Gelegenheit zu fressen, zu trinken und sich zu erholen. In allen Vet-Gates (wie die Kontrollen genannt werden) werden Puls, Atmung, Schleimhäute, Hautturgor, Kapillarfüllungszeit, Darmmotilität und das Gangwerk geprüft. Pferde, die durch den reglementierten Raster fallen, bekommen keine Starterlaubnis mehr, sie werden während dem Ritt aus der Prüfung genommen (eliminiert) oder am Schluss des Rittes, was besonders bitter ist, disqualifiziert.

In keiner anderen Pferdesportdisziplin (Military ausgenommen) gelten von der Basis bis zur Spitze so strenge Kriterien zu Gunsten der Pferde. Die Pferde werden von Anfang bis zum Schluss des Wettkampfs genau von fachkundigen Tierärzten im Auge behalten.

In vermutlich keiner anderen Disziplin wissen die Reiter der breiten Mitte so viel über ihre Pferde, verfügen über ein so grosses Wissen rund ums Pferd. Dieses beinhaltet Pferdekenntnis, Fütterung, Training, Haltung, Hufbeschlag, Sattelkunde, als auch mentales Training und vieles mehr. Endurance bringt einen dazu, sich für all diese Dinge zu interessieren! Nur ein Paar, bei dem alles stimmt, kann in Rennen erfolgreich sein! Doch das ist vorgegriffen, man fängt ja nicht mit Endurance-Rennen an.

Auslöser, sich überhaupt auf diese Pferdesportart einzulassen, waren bei allen mir bekannten Distanzreitern ihre lauffreudigen Pferde aller möglichen Rassen. Ob Freiberger, Haflinger, Appaloosa, Warmblüter oder Arabische Pferde ... wenn sie in Endurance eingesetzt werden, haben sie etwas gemeinsam: sie verfügen über einen grossen Bewegungsdrang, sind ehrgeizig und, grösstenteils ausgeprägte und willensstarke Persönlichkeiten. Kein Reiter würde es sich antun, ein ängstliches oder faules Pferd über Kilometer zu "tragen"!

Genau so bin auch ich zu diesem Sport gekommen. Meine Shagya-Araber-Stute (Rasseinfos unter: www.shagya.ch und www.araber-online.ch/zucht/shagya.htm) Kouhnama sprang gerne und ging Dressur ganz leidiglich, wenn auch nicht berauschend. Eher so in der Manier: schnell, bringen-wirs-hinter-uns-und-was-machen-wir-jetzt? Nach einer Dressurprüfung, in welcher mir ein Richter "nicht der schnellste gewinnt!" zu den Noten schrieb, war ich komplett gefrustet. Mein Mann kommentierte dies, nicht zum ersten Mal, mit: "Geh endlich Distanzreiten mit ihr, sie will laufen, das ist kein Dressurpferd!".

Diesmal hörte ich endlich auf ihn und irgendwie schaffte ich es, ohne die geringste Kenntnis der Szene meinen ersten Ritt anzumelden. Beim Studium der Reglemente wäre ich jedoch beinahe umgekippt, mir schien alles endlos kompliziert zu sein! Nur der Wunsch, mein Pferd endlich einmal müde zu sehen, trieb mich weiter und liess mich die Sache durchziehen.

Es überrascht vielleicht nicht zu hören, dass nach unserem ersten Ritt über 50 km nicht Kouhnama die Müde und Erschöpfte von uns beiden war! Ich vergesse nie, wie mir die Fusssohlen brannten und ich abends mit schweren Gliedern völlig erledigt, mausetot, aber seeehr glücklich! ins Bett sank. Und ich werde auch nie vergessen, wie zufrieden mein Pferd nach diesem ersten Ritt war!

Distanzreiten ist für mich in den letzten Jahren die absolute Ergänzung zum Alltag geworden. Es ist die bestmögliche Art abzuschalten. Drei bis viertägige Abwesenheiten für längere Wettkämpfe bringen mir trotz körperlichem und mentalem gutem Stress mehr Erholung, als zwei Wochen Ferien am Strand. Kouhnama bedeuten die Ritte so etwas wie "sich satt zu fressen" - sie wirkt nach jedem Einsatz so, als wie wenn endlich ein grosser Hunger gestillt worden wäre. Ihre gewonnene Zufriedenheit hält, je nach Länge der Distanz und gerittener Geschwindigkeit, 2-10 Wochen an. Dann ist der nächste Ritt "fällig", das kann sie unmissverständlich und deutlich anzeigen.

Während der Saison von April bis Oktober finden in der Schweiz ca zehn Veranstaltungen statt. Wer Lust hat und den bürokratischen Aufwand nicht scheut, kann auch ins Ausland fahren. Gerade in Frankreich werden in Grenznähe viele schöne und auch kürzere Ritte durchgeführt!

Wenn mich befreundete Reiter anderer Sportrichtungen fragen, was ich so Besonderes daran finde, mit dem Pferd irgendwohin zu fahren "nur" um irgendwo ein paar Kilometer im Gelände reiten zu können, so antworte ich: "Muesch es sälber usefinde und uusprobiere!" Die Motivation ist unterschiedlich und sehr individuell. Mir persönlich macht es unheimlichen Spass, in fremdem Gelände schnell reiten zu können, ohne dass ich mich mit der Strecke befassen muss. Es ist ja alles markiert. Man hat die Gelegenheit, Geländeschwierigkeiten zu meistern, die man selbst zu Hause nicht hat, man lernt viele neue, nette Menschen kennen. Und dann ist da noch der Nervenkitzel, der angenehmer Wettkampfkribbel bei dosiertem Risiko. Die Pferde lernen mit der Zeit, jede Situation zu meistern und sei sie auch noch so ungewohnt wie im Galopp direkt der Strasse entlang entgegen den Verkehr zu gehen!

Distanzritte können einem immer wieder Grenzerfahrung liefern, auch wenn die Strecke nicht sehr lange ist. Die immer tiefer werdende Beziehung zum Pferd je mehr Kilometer man gemeinsam zurück legt, ist kaum zu beschreiben. Fast blindes Verstehen in den gemeinsam gemeisterten Herausforderungen des Wettkampfes.

Wie weit kann man selbst gehen, wo liegt die eigene, wo die Grenze des Pferdes? Selbst bei einem Paar das schon öfters 90 km erfolgreich absolviert hat, gibt es keine Garantie dafür, dass es diese Leistung immer und immer wieder locker bringen kann. Es muss sich jedes Mal der Anforderung von neuem stellen. Es spielen so viele Faktoren zusammen, dass jeder Ritt zu einem einmaligen, unvergleichlichen Erlebnis wird. Mal ist das Wetter blendend schön, mal regnet es in Strömen. Mal ist das Gelände einfach und anspruchslos, manchmal knifflig und tricky. Dazu kommt die eigene Tagesform und natürlich die des Pferdes. Auch der Konditionszustand von beiden wird bei jedem Ritt wieder aufs Neue geprüft.

Ich liebe das intensive Gefühl mit beiden Beinen mitten im Leben zu stehen, welches man während des Rittes bekommt. Die geballte Kraft des Pferdes zu spüren, das laufen will und auch kann. Das Spiel am seidenen Faden um die Harmonie, der Tanz auf dem Drahtseil zwischen Vernunft, Gefühl und Ehrgeiz. Wenn es mir gelingt, das Pferd im Rhythmus zu halten, immer im Fluss der Vorwärtsbewegung, in seiner besten Kadenz und ohne Tempo-Hickhack, dann bin ich stolz und zufrieden mit uns. Ich geniesse es, unsere Form während des Reitens zu beobachten, zu analysieren und auf die Konkurrenz abzustimmen. Ich mag auch die kleinen taktischen Spielchen, die man während des Rittes spielen kann. Alle Eindrücke, vor allem wenn es landschaftlich einmalige Ritte sind, nimmt man mit dem ganzen Körper auf, so, wie wenn jede Zelle Augen hätte. So wirkt der eine oder andere Ritt noch über Jahre hinweg nach, kommen immer wieder spezielle Bilder mit Situationen hoch, an die man sich gerne erinnert. In meiner Seele eingebrannt sind Momente, in denen ich glaubte, alles darin erlebt zu haben, was es zu erleben gibt, Sekunden, die unendlich wirkten.

 

 

 

Die Prüfungen

DRF - Distanz + Tempo frei

Der Reiter wählt selbst, wie weit er reiten will und in welchem Tempo er die gewählte Strecke zurücklegt. Es gibt keine Rangliste, aber die Kilometer werden auf dem Kilometerkonto bei der Schweizerischen Distanzreitervereinigung gutgeschrieben (sofern der Reiter da Mitglied ist).

Der Start erfolgt individuell, alleine, zu zweit etc.
 

 

 

KLP - Kombinierte Leistungsprüfung

Die KLP besteht aus verschiedenen Anforderungen:

a) einem Geschicklichkeitsparcours vor dem Ritt

b) der Geländestrecke über die ausgeschriebene Distanz

c) einer kurzen Konditionsstrecke, die gleich anschliessend an die Geländestrecke absolviert wird. Spätestens 10 Minuten nach Beendigung der Konditionsstrecke muss das Pferd zur Pulskontrolle erscheinen, in welcher sein Puls die reglementierte Marke nicht überschreiten darf.

Während der ganzen Prüfung werden für Vergehen Strafpunkte verteilt, die schlussendlich das Klassement bestimmen.

Gestartet wird in der Regel zu zweit (Gelände), den Parcours muss jedes Paar einzeln absolvieren.
 

 

 

EVG - Endurance mit vorgeschriebener Geschwindigkeit

Beim EVG werden feste Distanzen mit verschiedenen Tempi ausgeschrieben. Zum Beispiel: 60 km mit 12-15 km/h reiten bedeutet, dass der Reiter die 60 km in im Minimum vier Stunden und im Maximum in fünf Stunden reiten darf. Wie schnell er innerhalb dieser Vorgabe reitet, das entscheidet er selbst. Reitet er schneller oder langsamer, so wird er disqualifiziert.

In EVG's werden Ranglisten erstellt und um das Klassement zu errechnen, wird eine Formel benützt, in welcher die Reitzeit, das Tempo sowie der Schlusspuls des Pferdes einbezogen werden. Es gewinnt daher nicht automatisch der, der am schnellsten geritten ist, ausser sein Pferd hatte gleich auch den tiefsten Schlusspuls.

Gestartet wird individuell oder in Gruppen, je nach Wunsch und/oder Ausschreibung.
 

 

 

DR -Distanzrennen / CEN - Concours Endurance National

DR sind Nationale Distanzrennen nach nationalem Reglement, verschieden je nach Land. An Distanzrennen können nur Reiter starten, welche die Endurance-Lizenz besitzen.

Die Länge der Rennen variiert. Meist sind es Distanzen vom 90-130 km, es gibt jedoch auch mehrtägige Prüfungen, wie zB 2 x 80 km oder 3 x 60 km, ...

Alle starten zur selben Zeit im Massenstart und derjenige, der zuerst das Ziel erreicht, gewinnt die Prüfung, sofern sein Pferd die anschliessende Schlusskontrolle durch den TA (Vet-Gate) ohne Beanstandungen besteht.
 

 

 

CEI - Concours Endurance International

Bei den Internationalen Distanzrennen nach FEI-Reglement, gilt die gleiche Praktik wie bei den CEN.

Die Länge der Rennen variiert, meist gehen die Distanzen über 120-160 km, es gibt jedoch auch mehrtägige Prüfungen, wie zB 2 x 100 km. Zusätzlich muss in diesen Prüfungen mit Dopingkontrollen gerechnet werden.

Zum Thema Doping:
Bei nationalen Prüfungen entfällt dies oft wegen der Kosten, sie können jedoch vorkommen! Daher Vorsicht, mit welchen Sprays und Salben man das Pferd behandelt und was verfüttert wird! Das gleiche gilt auch für den Reiter der selbst angehalten wird sich über zugelassene Medikamente und Substanzen für Pferd UND Reiter zu informieren. Schneller als man ahnt, wird man zum Dopingsünder! Unter www.swissolympic.ch (Sportmedizin) können weitere Informationen zu erlaubten und nicht erlaubten Substanzen nachgelesen werden.

 

 

 

 

 

Schweizerische Distanzreiter Vereinigung SDV (Swiss Endurance)

Grundsätzlich darf jeder interessierte Reiter an Distanzritten teilnehmen, sofern er die Auflagen erfüllt. Qualifikationen für Distanzrennen können jedoch nur von SDV-Mitgliedern geritten werden. Einige Veranstalter offerieren SDV-Mitgliedern sogar Startgeldermässigungen.

Um eine Distanzprüfung starten zu können braucht es das Brevet und eine Medical Card. Reiter ohne Qualifikationen melden Prüfungen über 20-60 km. Sie können damit in der Schweiz an DRF, KLP und EVG starten.

Weitere Informationen zur Schweizerischen Distanzreiter Vereinigung erhalten Sie unter: www.swissendurance.ch.

Die Vereinigung zählt rund 400 Mitglieder und arbeitet mit dem Bonusmeilen-Prinzip:

  • Kilometer
    Die Kilometer jedes bestandenen Rittes werden Reiter und Pferd fortlaufend addiert. Bei 500 km, bei 1000 km und anschliessend bei jeden weiteren 1000 werden Pferd und Reiter ausgezeichnet. Die Pferde erhalten eine beschriftete Plakette, die Reiter ein Diplom.
     

  • Pferd- und Reiterstatistik
    Jährlich werden die Paare prämiert, welche im vergangenen Jahr die meisten Kilometer zusammen zurückgelegt haben.
     

  • KLP- und EVG-Meisterschaften
    Die besten Paare der in der Saison durchgeführten Prüfungen werden ausgezeichnet.
     

  • CH-Meisterschaften
    Jährlich finden CH-Meisterschaften bei den Senioren als auch bei den Junioren/Junge Reiter statt.

 

Reglemente

Vor einem Distanzritt ist es Pflicht jedes Reiters, sich über die gültigen Reglemente zu informieren. Unter www.fnch.ch können die Reglemente sowie die neuesten Anpassungen eingesehen und ausgedruckt werden. Im Reglement werden zudem die Voraussetzungen für die einzelnen Prüfungen, als auch Qualifikationsmodus für Distanzrennen genau erläutert.

 

Qualifikationen für Distanzrennen

Um Qualifikationen reiten zu könne müssen an mindestens drei Ritten drei verschiedene, immer länger werdende Distanzen mit mind 10 km/h = Tempo 6 zurückgelegt werden. Dies gilt für das Pferd ebenso wie für den Reiter. Dh startet ein bereits qualifizierter Reiter auf einem Pferd das noch keine einzige Qualifikation besitzt, so fängt er mit diesem Pferd ganz von vorne an. Und ein unerfahrener Reiter auf einem bereits qualifizierten Pferd, auch dieser Reiter fängt mit der ersten Quali an.

1. Quali: 50-60 km / 2. Quali: 70-80 km / 3. Quali: 90-100 km

Nach erfolgreichem Absolvieren der 3. Quali hat der Reiter die Möglichkeit, beim SVPS in Bern die Theorieprüfung zur Erlangung der Endurance-Lizenz abzulegen. Lizenzierte Reiter lösen diese Lizenz anschliessend jährlich und sind damit berechtigt, an nationalen und internationalen Rennen teilzunehmen (die Starterlaubnis für internationale Ritte vergibt die TK Endurance).

Das entsprechende Theoriebuch "Medizinische Aspekte" (verfasst von Dr. med. vet. Dominik Burger, Dr. med. vet. Lorenz Giese und Suzanne Dollinger) enthält viele nützliche und interessante Informationen und kann bei Peter Baumgartner () für SFr 35.- bestellt werden.

 

Medical-Card

Die Medical-Card kann beim SVPS in Bern oder bei Peter Baumgartner (nur für SDV Mitglieder) bezogen werden. Für SFr 15.- gibts ausserdem noch die Hülle zur MediCard dazu. So kann sie einfacher an Arm oder Bein befestigt werden.

Die Medical-Card muss vom Reiter ausgefüllt und von seinem Hausarzt abgestempelt und unterzeichnet werden. Während des Rittes hat der Reiter dieses Dokument sichtbar auf sich zu tragen, andernfalls erfolgt keine Starterlaubnis.

 

 

 

 

Welche Pferde eignen sich für den Distanzsport?
Wie sieht das ideale Endurancepferd aus?

Darüber wird weltweit wohl schon seit langem immer wieder diskutiert. Ich könnte nun hingehen und Anforderungsprofile abtippen, doch ich verzichte darauf, weil ich persönlich nicht davon überzeugt bin, dass es Schema F tatsächlich gibt. Es gibt sicherlich Anhaltspunkte, doch keine Garantien und Sicherheiten, weil noch so viele andere Faktoren eine Rolle spielen. Aber ich möchte trotzdem versuchen, kurz ein paar Blickpunkte zu erwähnen.

Ich kenne Leute, die vielversprechende Distanzpferde gekauft haben, welche sich im Nachhinein als mässig talentiert erwiesen und keinen Blumentopf gewannen. Ebenso könnte ich Pferde nennen, die nur mal einfach so auf Distanz eingesetzt und wider aller Erwarten sehr erfolgreich wurden.

Natürlich kann Abstammung und Herkunft sehr viel ausmachen. Wer hat noch nie vom Vollblutaraber Persik gehört?! Vater und Grossvater vieler sehr erfolgreicher Distanzpferde. Dennoch bin ich sicher, dass nicht alle Persik-Nachkommen automatisch super Distanzpferde sind, genauso wenig wie alle Nachkommen von Dressurhengsten automatisch Dressurcracks sind. Es ist zwar menschlich, sich so etwas vorgaukeln zu wollen, doch leider hemmt solches Denken oft die objektive Urteilskraft.

Je korrekter das Pferd vom Gebäude her ist, je ökonomischer es sich bewegt, desto höher die Chance, dass es auch bei intensivem Sporteinsatz gesund bleibt. Trotzdem: ich kenne Pferde, die sind nicht korrekt und man kann vieles bemängeln an ihrem Gebäude oder ihrem Gangwerk, dennoch laufen sie seit Jahren, bringen ihre Leistung und werden mit dem Sport alt!

Weniger gern sieht man Endurance Pferde, welche eine hohe Beinaktion haben. Sie verbrauchen dadurch sehr viel Kraft und es bedeutet eine Mehrbelastung der Gelenke. Und doch gibt es welche, die haben diese Aktion und sind trotzdem gut und bleiben gesund.

Eher ungeeignet sind grosse und schwere Pferde, und doch gibt es auch solche und sie haben auch tausende von Wettkampfkilometern gemacht.

Ich erfasse ein Pferd nach seinem Interieur, seiner Ausstrahlung und seinem Verhalten in der Herde, lange bevor ich mir sein Exterieur anschaue. Ich suche Persönlichkeiten. Ist es mutig, ängstlich, frech, vorwitzig, schreckhaft? Ist es eher ranghoch oder rangniedrig? Hat es Verletzungen, wenn ja wo und wie schlimm sind diese? Schon allein daraus kann man sehr viele Schlüsse ziehen. Ein Pferd, das jede Unpässlichkeit gleich mit "aua aua" quittiert, das wird in den TA-Kontrollen (TA = Tierarzt) ab gewissen Distanzen schlechte Karten haben. Eines jedoch, dessen Schmerzgrenze eher hoch ist, das beisst sich durch für seinen Reiter!

Generell muss mir ein Pferd den Eindruck vermitteln, zäh zu sein. Es sollte problemlos reisen, selbstbewusst sein, gerne und leichtfüssig laufen und sich von Anstrengungen rasch erholen. Es sollte Neuem gegenüber aufgeschlossen und lernfähig sein, sich motivieren lassen, auch wenn es langsam müde wird. Körperlich betrachtet sollte es stabile Beine mit starkem Röhrbein und guten Hufen haben und einigermassen harmonisch gebaut sein.

Aber Vorsicht, NIE vergessen! Das Pferd kann noch so gut und talentiert sein, wenn die Chemie zu seinem Reiter nicht spielt, wird das Paar keine Spitzenleistungen vollbringen können. Daher lieber jenes Pferd nehmen zu dem man sich hingezogen fühlt und mit dem man auch klar kommt, anstatt einfach DAS Top-Pferd zu kaufen das einem nicht anspricht. Nur unter diesen Voraussetzungen kann ein wirklich gutes Team entstehen!

 

 

 

Arabische Pferde im Endurance Sport

Ich würde mir kein anderes als ein arabisches Pferd aussuchen, täte ich mich heute nach einem potentiellen Distanzpferd umsehen. Einsteigen in diesen Sport ist problemlos mit Pferden jeder Rasse möglich (die heutige Equipenchefin der Distanzreiter begann angeblich auf Isländern!). Wer im Distanzsport aber weiter kommen möchte, sollte sich auf den Araber konzentrieren. Klar gibt es auch bei dieser Rasse gelegentlich Pferde, die den Namen Schlaftablette verdient hätten, natürlich gibt es auch solche, die nicht so gerne laufen. Aber dennoch, dadurch, dass sie Jahrhunderte sehr selektiv auf Zähigkeit, Ausdauer, Laufleistung und Gesundheit gezüchtet wurden, erfüllen sie mehr als jede andere Rasse sämtliche Anforderungen, die an Distanzpferde gestellt werden.

  • sie können meist mit einem Minimum an Futter ein Maximum an Leistung bringen

  • sie verkraften in der Regel Klimaschwankungen problemlos

  • sie haben oft sensationelle metabolische Werte

  • und sie laufen von Natur aus sehr gerne

Es ist kein Zufall, sind die erfolgreichsten Pferde im Endurance Sport Arabische Pferde oder Mischzüchtungen mit Arabern! Gerade zu Pferden mit arabischem Blut kann man besonders tiefe Beziehungen aufbauen, die von Aussenstehenden oft nicht zu verstehen ist.

Zu meiner Stute Kouhnama hat mir jemand eine Geschichte erzählt, die ich gerne glauben möchte, die ich aber bisher nicht belegen kann: ihr Urgrossvater Halef (AV), welchem sie äusserlich ziemlich gleicht, hat angeblich im 2. Weltkrieg mit seinem Reiter auf der Flucht vor dem Feind in drei Monaten über 6000 km zurück gelegt (knapp 70 km/Tag!). Dies unter übelsten, schlimmsten Bedingungen wie Kälte, Schnee und ohne Futter. Wenn DAS kein zähes Pferd, kein Distanzpferd war?!!

Es scheint schon, dass sich gewisse Eigenschaften unter günstigen Umständen vererben. Meine Stute war lange krank und hatte einige schwere Unfälle, dennoch stieg sie wie ein Phöenix aus der Asche immer wieder empor und knüpfte sogar im Alter von 13 Jahren wieder an ihre früheren sportlichen Leistungen an. Ein Durchbruch in langen internationalen Prüfungen wird zwar kaum mehr möglich sein - das muss jetzt mit 15 Jahren auch nicht mehr unbedingt sein. Ich werte ihre Rückkehr in den Sport dennoch als sehr bemerkenswert und nur darum möglich, weil sie eine unglaublich hohe Schmerzgrenze und einen äusserst starken Willen hat. Und, weil sie soviel arabisches Blut führt. Einige ihrer besten sportlichen Leistungen erbrachte sie im Alter von 14 und 15 Jahren, wie weggeblasen waren auf einmal die Handicaps früherer Unfälle ...

 

 

 

Die Haltung

Distanzpferde sind bewegungsfreudige Tiere. Sie müssen unter allen nur denkbaren klimatischen Bedingungen ihre Leistung bringen können. Daher empfiehlt es sich, ihnen so viel Platz und frische Luft wie nur möglich zu bieten. Sie sollen sich den ganzen Tag frei bewegen können. Mehrere Fütterungen über den Tag verteilt, nie zu grosse Portionen, regelmässiger Weidegang und Sozialkontakt zu Artgenossen sorgen für ein ausgeglichenes Nervenkostüm.

Auf das WIE der artgerechten, gesunden Pferdehaltung soll hier nicht mehr eingegangen werden, das wird vielerorts immer wieder beschrieben und es versteht sich von selbst, dass sich die für Distanzpferde bekömmlichste Haltung auch für alle anderen Pferde hervorragend eignet Haltung soll nicht "distanzspezifisch" oder "dressurspezifisch" sein - sie soll der Natur des Pferdes allgemein möglichst entsprechen.

Mancherorts (in Frankreich kommt es häufiger vor) werden Distanzpferde das ganze Jahr über nur draussen gehalten. Bei Wind und Wetter, bei Hitze oder Kälte, Regen und Schneesturm stehen sie auf ihren grossen Weiden und suchen Schutz zwischen Büschen, Hecken und unter Bäumen. Auch wenn erzählt wird, dass dies die gesündeste Pferdehaltung überhaupt sei, so wird diese Art der Haltung nicht jedermann zusagen. Es ist meiner Ansicht nach wichtig, dass unsere hochgezüchteten und schon länger domestizierten Pferde mindestens die Möglichkeit haben müssten einen trockenen und windgeschützten Ort aufzusuchen. Auch wenn sich in Frankreich auf grossen Weiden aufgewachsene Pferde sogar bei strömendem Regen hinlegen um zu ruhen, würden sie wohl, wenn sie könnten, einen trockenen Liegeplatz vorziehen, dessen bin ich mir absolut sicher. Genau so wie Pferde bei brütender Hitze und massivem Insektenansturm gerne ins kühle Dunkel eines Stalles flüchten, sofern die Möglichkeit dazu da ist.

Wichtig bei Robusthaltung ist auf jeden Fall, dass die Pferde genügend Platz haben um sich zu bewegen, sich warm zu halten oder bei Rangeleien zu weichen. Sonst ist ein Kompromiss die bessere Lösung für das Pferd. Ob jedoch konventionell gehaltene Boxenpferde auf Dauer erfolgreiche Distanzpferde sein können, ist umstritten.

Kouhnama wird in einem offenen Stall gehalten, der nur an den beiden Stirnseiten bis nach oben geschlossene Wände hat. Das ist vor allem im Winter bei klirrender Kälte oder im Sommer bei drückender Hitze unangenehm für den Reiter, doch das Pferd fühlt sich pudelwohl bei so viel Frischluft. Der Stall besteht aus 5 je 20 m2 grossen Boxen. Jedes Pferd hat einen eigenen Schnitzel-Padock von 60 m2 Grösse. An Kouhnis Padock grenzt direkt ihre eigene Weide, die ich ihr nach Belieben öffnen oder schliessen kann. Die Weide ist nicht sehr gross, sie misst ca 6 x 75 m. Dadurch, dass die Weide unter grossen Nussbäumen und am Waldrand ist, vermoost sie gerne und unter den Bäumen wächst praktisch kein Gras, aber dies ist sekundär. Kouhnama benützt jede Gelegenheit ruhig zu laufen und wenn beim Nachbarn die Fohlen um die Wette rennen, flitzt sie manchmal mit.

Seit sie so gehalten wird und sie nach Belieben entscheiden kann, wo sie sich aufhält, ist sie viel ausgeglichener und zufriedener geworden. Bei starkem Wind, anhaltendem Regen und zu den "Mückenzeiten" geht sie praktisch nicht raus. Dafür steht sie oft nachts draussen und kuckt in die Sterne. Das bestätigt mich darin, sie nicht auf die harte Tour zu halten. Und ich glaube nicht, dass sie deswegen weniger zäh ist.

 

 

 

Die Fütterung

Fast jeder Distanzreiter hat so seine Tricks und Geheimnisse und manch einer mischt das Kraftfutter mit den gewünschten Einzelkomponenten selbst. Sofern das Pferd es verträgt, ist eine Heufütterung à discretion das Optimalste. Heu, Zuckerrübenschnitzel und Mash sind gute Elektrolytelieferanten. Alles übrige ist wahrscheinlich eine Philosophiefrage und hängt auch vom Pferd ab. Daher muss jeder Reiter seinen eigenen Weg durch die Irrgärten der Futtermittelhersteller finden. Grundsätzlich tendieren wir eher dazu, des Guten zuviel zu tun!

Fütterungsbeispiel:

Kouhnama leidet an chronischer Bronchitis (COPD) und darf daher kein Heu fressen. Versuche, das Heu zu wässern oder gar einzuweichen haben für die Atemwege keine Verbesserung gebracht. Heulage eignet sich bei ihr nur begrenzt (kann zu Durchfall führen), führt unter Leistung zu massivem Gewichtsverlust (Wasser) und wird daher, wenn überhaupt, nur gelegentlich im Winter verfüttert.

Gut vertragen hatte sie die Fütterung von Heupellets (Hypona 893 für wenig beanspruchte Pferde) und Stroh, Hesta Mix Classic, Vitamine E+Selen, sowie ein Gerste/Hafer/Leinsamen-Mix. So gefüttert brachte sie in den letzten beiden Jahren ihre besten sportlichen Leistungen. Da jedoch auch in den Heuwürfeln Mais enthalten ist, den sie angeblich nicht verträgt und der ihr auf die Atmung schlägt, machte ich die letzten paar Monate den Versuch, die Heupellets durch Luzerne (Alfa-Alfa) zu ersetzen und Hesta Mix durch ein Mischfutter ohne Mais, weil Hesta Mix zur Luzerne von den Gehalten her überhaupt nicht passte.

Ich habe diesen Versuch nach zwei Monaten abbrechen müssen. Zum einen frass sie die Luzerne plötzlich nicht mehr (wir stellten dann fest, dass es Disteln drin hatte), zum anderen hatte sie an zwei Distanzritten ungewöhnlich hohe Pulswerte, für welche ev die zu eiweissreiche Fütterung verantwortlich sein könnte. Ausserdem wirkte sie im Fell struppig und irgendwie leer. Nur zwei Wochen nach Umstellen der Fütterung zurück auf "alt" glänzten Fell und Augen erneut, blitzte der Schalk wieder und war sie frech wie eh und je zuvor ... was mir die Richtigkeit meiner Entscheidung anzeigte. Wir müssen wohl das kleinere Übel, die minime Maisunverträglichkeit, in Kauf nehmen ...

Eingeweichte Zuckerrübenschnitzel sind die ideale Ergänzung für zwischendurch, vor allem vor Wettkämpfen, weil sie (wie Heu) das Wasser im Darmtrakt binden. 1-2 Tage vor längeren Distanzritten bekommt mein Pferd ausserdem zusätzlich Heu zu fressen. Zwar reagiert sie jeweils sofort mit etwas verschlechterter Atmung, doch scheint es grade noch im Rahmen des verkraftbaren zu liegen, denn sie bläst sich auf den ersten 30 km die Lunge so regelrecht frei und läuft nachher unbelastet.

Anmerkung: wenn ich im Zusammenhang mit Mais oder Heu von "Verschlechterung" der Atmung rede, so muss man wissen, dass das minim und meist nur von mir zu bemerken ist. Sogar an ihren schlechtesten Tagen atmet Kouhnama noch immer weit besser als viele Pferde, deren Reiter meinen, bei ihren Tieren sei alles in Ordnung. Kouhnama ist heute so stabil, dass nicht einmal mehr alle TA's beim Abhören der Lunge merken, dass sie COPD hat.

 

 

 

Das Training

Das Training ist wie die Fütterung individuell sehr verschieden und muss auf das jeweilige Pferd angepasst werden. Alle Distanzreiter die ich kenne, trainieren ihre Pferde mittels langen, ruhigen Wanderritten, so ca alle 2-3 Wochen einen. Dabei gewöhnt sich das Pferd daran, seinen Reiter mehrere Stunden lang im Sattel zu haben. Einige reiten nur im Schritt, andere wie ich, lockern gelegentlich mit einem Trab oder einem Galopp auf. Wie oft in der Woche geritten wird und wie lange diese Ritte sind, hängt extrem von den Haltungsbedingungen ab.

Das Pferd, das sich den ganzen Tag bewegen kann, muss nicht täglich geritten werden. Und, dass im Offenstall gehaltene Pferde sich "selbst" trainieren, ist eine billige Ausrede. Die Gelenke werden besser geschmiert und durchblutet, weil die Pferde immer etwas herumlaufen und die Psyche ist ausgeglichener, weil diese Pferde mehr Anreize aus der Umgebung haben. Das war's aber auch schon. Als Faustregel gilt: je weniger Platz das Pferd im Stall und im Auslauf hat, desto wichtiger ist es, dass das Tier täglich beschäftigt wird und, dass diese Beschäftigung so lange wie möglich andauert.

Meistens ergeben sich, bedingt durch den Beruf und das Privatleben, Schwankungen wie viel Zeit fürs Pferd bleibt. Wer clever ist, nützt diese Schwankungen für das Training. Man soll sowieso nicht immer täglich gleichviel verlangen. Jeden Tag vier Stunden hartes Training zu machen ist genau so falsch, wie jeden Tag nur eine Stunde im Schritt durch die Gegend zu schleichen.

Bei mir gibt es Tage, an denen ich gar nicht zum Pferd gehen kann. Aber ich versuche es immer so einzurichten, dass dies nicht an zwei aufeinander folgenden Tagen passiert. War ich einen Tag nicht im Stall, so reite ich bestimmt am nächsten Tag. Wenn ich wenig Zeit habe, gehe ich eine knappe Stunde ins Gelände, manchmal nur im Schritt und/oder im leichten Trab. Lieber kurz und konzentriert, als lange und nicht bei der Sache oder nicht motiviert. Ich setze mich nicht unter Druck, dies und das zu machen, trainieren zu müssen. Ich reite oder longiere nach dem Lustprinzip, je nach Klima und Bodenbeschaffenheit. Aber wenn ich 2-3 Wochen lang nur "Sparflammentraining" gemacht habe, treffe ich mich am Wochenende mit einer Distanzkollegin für einen ausgiebigen Halbtagesritt. Wir haben Gelegenheit zu quatschen und unsere Pferde werden dabei noch bestens trainiert.

Generell mache ich je nach Jahreszeit mehr oder weniger mit dem Pferd. Im Frühling und im Herbst, wenn die Böden weich und elastisch sind, reite ich am intensivsten: längere und zügigere Ritte, langes Bergtraben und ausgiebiges Galoppieren, grade so, wie es uns Spass macht und sich das Gelände und das Wetter anbieten.

Der Winter, die Dunkelheit und die harten oder vereisten Wege zwingen zu gemächlicherem Reiten. Mein Pferd hat durch die robuste Haltung ein langes Fell, welches ich teilweise schere (Hals, halber Bauch ohne Gurtenlage). Natürlich ist das Spiel mit den witterungen-angepassten Decken nachher Pflicht und oft auch etwas lästig. Dafür fahr ich aber ab und zu in die Halle und bewege Kouhnama am Wochenende ausgiebig, ohne dass sie anschliessend patschnass in der Boxe stehen muss.

Im Winter gehe ich mit Kouhnama sehr gerne in die Baby-Springstunde. Nicht hoch, nur just for fun und für die Beweglichkeit. Es ist für mich wie Weihnachten, wenn ich abends und unter der Woche statt alleine mit dem Pferd im Dunkeln herumzustolpern, bei Licht und in Gesellschaft auf elastischem Hallenboden reiten kann. Kouhnama machen diese Stunden mindestens so viel Spass wie mir.

Der Sommer ist die Jahreszeit, in der ich locker aufs Reiten verzichten könnte. Wenn Badewetter ist, zwinge ich mich nicht in den Stall zum Reiten. Fliegen, Bremsen und harte Böden locken mich wirklich nicht und Kouhnama hampelt und zappelt nur nervig herum, weil auch sie jegliches Ungeziefer hasst. Da sie viel Platz hat, Tag und Nacht herumlaufen kann und noch nie Konditionsprobleme hatte, erlaube ich mir im Sommer den Luxus, nur zwei bis vier Mal die Woche etwas mit ihr zu unternehmen.

Stehen uns jedoch längere Ritte über 70 km bevor, so wird drei Wochen vor dem Wettkampf speziell trainiert. Über das wie und was eines solchen Trainings gibt es verschiedene Statements. In Frankreich hat man mir kürzlich erzählt, man müsse unbedingt drei Wochen vor dem Rennen ein einstündiges Galopptraining auf der Rennbahn absolvieren. Ich habe davon früher schon gehört, doch weiss ich nicht recht, wie ich mein Pferd auf diese völlig andere Anforderung vorbereiten sollte - schliesslich sind die Trainingsbahnen alle sehr tief und Pferde, die das nicht gewohnt sind, riskieren schnell einmal Sehnenschäden. Eine andere Version lautet, dass man drei Wochen vor dem Wettkampf die zu reitende Distanz in drei Tagen zurücklegen soll. Will man 120 km reiten, so hiesse das, drei Tage nacheinander 40 km zu reiten - drei Wochen vor dem Rennen ... Auch hierbei gilt also, dass jeder Reiter die für sich und sein Pferd beste Lösung suchen und finden muss, es gibt keine pauschal gültige!

Die Distanzritte ergänzen das Training. Jeder Ritt gibt etwas mehr Ausdauer, etwas mehr Kondition. Ein älteres Pferd, das schon längere Zeit im Distanzsport läuft, hat irgendwann einmal eine so gute Grundkondition, dass es selbst nach einer längeren Arbeitspause wieder innert Kürze auf seinen früheren Level ist.

Arabische Pferde zeichnen sich, nebst ihrer sagenhaften Ausdauer, ihrem Leistungswillen und ihrer Leichtfüssigkeit, auch dadurch aus, dass sie leichter zu konditionieren sind als andere Rassen und dass sie diese Kondition auch leichter halten und wieder bekommen.

 

 

 

Die Winterpause

Es gibt einige Distanzreiter, die ihrem Pferd eine Winterpause von zwei bis vier Monaten geben. Die Eisen werden abgenommen, das Pferd in die Herde auf die Weide entlassen und gar nicht oder nur noch im Schritt geritten. Angeblich ist das gut, wenn das Pferd eine harte Saison hatte und lange Rennen laufen musste. Vom Gefühl her finde ich solche künstlichen Pausen nicht so gut. Wer sein Pferd auswärts auf eine Weide geben muss, reisst es aus seiner gewohnten Umgebung, zwingt es, sich für zwei bis vier Monate neu zu integrieren, einen neuen Rhythmus zu finden. Ist das nicht eher Stress als Freude für das Pferd? So eine Winterpause als Ferien für das Pferd zu bezeichnen ist nach meiner Auffassung verfehlt. Ferien vom Pferd würde eher zutreffen. Es widerspricht der Natur der Pferde, 8-10 Monate zu arbeiten und dann 2-4 auf der "faulen Haut" zu liegen.

So wie ich Kouhnama im Winter bewege, das kann man nicht als "Arbeit" bezeichnen. Das ist Beschäftigung, mehr nicht. Das verstehe ich unter Pause, weil sie in ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit nie auch nur annährend in die Nähe ihrer Grenze kommt. Eine Springstunde, eine halbe Stunde Longenarbeit, zwei Stunden gemächliches Ausreiten im Schritt ... das ist bloss Spass! Wie ein Reiter sein Pferd in die Winterpause schickt, das muss er für sich selbst herausfinden.

 

 

 

Die Gesundheit

Mit den gängigen Vorurteilen wird jeder Distanzreiter früher oder später konfrontiert. Angesprochen wird man meist darauf, dass in diesem Sport auch auf hartem Untergrund getrabt oder galoppiert wird. 90 km werden in ca 5-7 Stunden Reitzeit bewältigt und das natürlich nicht im Schritt, sondern im Trab und mehrheitlich im Galopp, egal wie das Gelände aussieht, bergauf und bergab. Klar, dass sich das der Durchschnittsreiter nicht vorstellen kann und dass er sich dabei Schaden für die Beine ausrechnet.

Ich bin ehrlich wenn ich sage, dass ich an meinem ersten Distanzritt anfänglich noch dachte: "die spinnen ja alle völlig, NIE werde ich so reiten! Eine halbe Stunde lang kämpfte ich damals mit meinem Pferd, das natürlich jedem nachstellen wollte, der uns überholte. Und das waren viele, so langsam, wie ich ritt, eben so, wie man auf einem Ausritt reitet.

Irgendwann war ich nassgeschwitzt, wütend und völlig ratlos und in meiner Wut habe ich Kouhnama die Zügel auf den Hals geworfen und zu ihr gesagt: "dann lauf halt, du blöder Gaul, wirst schon sehen, was du davon hast". Und ich rechnete damit, dass sie innert Kürze klein beigeben würde, doch nichts dergleichen passierte. Sie hob den Hals leicht, spitzte die Ohren und begann zu fliegen. Sie wurde nicht blindlings immer schneller, nein, sie legte zu, bis sie das Tempo gefunden hatte, welches ihr angenehm erschien, und das behielt sie bis zum Rittende bei.

Das war das AHA-Erlebnis in meinem Reiterleben. Ich reite ein Pferd arabischer Rasse. Ein Pferd, das von Natur aus zum Laufen gemacht ist. Eines, das mir viele Jahre zu zeigen versuchte, was es gerne tut. Und ich hatte nichts weiter gewusst, als ihre Lebensfreude künstlich zu verbremsen und mit stupiden, stumpfsinnigen und ewig gleichen Dressurlektionen zu dämmen.

Mein Pferd ist jetzt 15 Jahre alt und sie läuft seit sieben Jahren Distanzen. Sie hat bald 2000 Kilometer gelaufen und ist noch immer gesund und leistungsbereit und bei weitem nicht das einzige Distanzpferd, von dem man das sagen kann. Viele Kaderpferde bringen ihre besten Leistungen im "fortgeschrittenen" Alter und dazu müssen sie gesund sein! Distanzpferde werden alt - weltweit. Daher wage ich zu sagen, dass der Sport so ungesund nicht sein kann. Dass das schnelle Reiten auf hartem Gelände nicht unbedingt schaden muss!

Vielleicht ist es ja eine Angelegenheit der richtigen Betrachtung und der Belastung in Summe? Ich galoppiere heute, im Gegensatz zu den klassischen Reitern, nur noch sehr ungern auf schmalen und von Wurzeln durchzogenen Wegen durch den Wald. Wenn, dann nur im Wettkampf, dann trage ich bewusst das Risiko, dass sich das Pferd auf so einer Wurzel vertreten könnte.

Dafür galoppiere ich im Alltag auf gewöhnlichen Feldwegen, wenn uns gerade danach ist. Und im Wettkampf galoppiert Kouhnama sogar auf Teer, problemlos, locker und ausbalanciert. Das haben wir nicht trainiert, das konnte sie einfach. Vielmehr entstand es daraus, dass es mitten im Pulk und im Rennfieber unmöglich ist, sie in den Trab zurück zu nehmen ... dann galoppiert sie einfach an Ort.

Da ich mein Pferd zwei Jahre in einem konventionellen Stall hatte, konnte ich gut Vergleiche ziehen zwischen meinem "alten" und ach so armen Pferd, das im Wettkampf über Stock und Stein im Galopp gejagt wurde und den behüteten, springgewaltigen Supercracks, die täglich schon nach 2-3 Minuten Einlaufen traben, galoppieren und springen mussten (wo doch jedes Kind weiss, dass 10-15 Minuten aufwärmen im Schritt Pflicht ist).

Es sagt vielleicht auch einiges, dass ich als Distanzreiterin pauschal zwar den Ruf weg hatte, wie eine Irre durch die Landschaft zu rasen, dass ich aber mit fast niemandem aus jenem Stall ausreiten gehen konnte, weil sie alle viel zügiger ritten als ich - böse gesagt, die Pferde einfach brettern liessen, wie es denen gerade lustig war. Welche Pferde bleiben länger gesund? Das wird die Zeit zeigen, nicht? Das Distanzpferd Kouhnama hat auf jeden Fall schon einige dieser Springpferde um Jahre überlebt ...

 

 

 

Management eines Distanzpferdes

Etwas was bei keiner anderen Pferdesportdisziplin so ins Gewicht fällt, ist das gesamte Management rund um das Pferd. Ein verantwortungsbewusster Reiter plant anhand der Rittkalender seine Ritte für die ganze Saison bereits im Frühjahr. Es versteht sich von selbst, dass zu Beginn des Jahres aufbauende, kürzere Ritte im Vordergrund stehen, die dem Pferd helfen sollen, seinen Konditionszustand vom Vorjahr wieder zu erreichen. Selten wird daher bereits Anfang Jahr auf hohe Tempi geritten (Ausnahmen bilden Qualifikationsritte für EM und WM). Je nach Resultaten und Gesundheitszustand des Pferdes wird von Ritt zu Ritt entweder das Tempo oder die Distanz erhöht.

Rund um die Ritte werden die Hufbeschlagstermine eingeplant und es ist äusserst wichtig, dass der Hufschmied sein Fach versteht, die richtige Winkelung schneiden, Zehenrichtung geben und auch das Eisen gerade schmieden kann.

Infos zu korrektem Hufbeschlag: http://www.fvvetmed.unizh.ch/.../Hufbeschlag.pdf

Es gibt Pferde, deren Eisen nach einem 90 km Rennen bereits nur noch hauchdünn sind! In solchen Fällen muss der Reiter darauf achten das Pferd erst unmittelbar vor dem Rennen zu beschlagen. Je länger die Rennen werden, desto grösser die Challenge auch für den Hufschmied. Keine zu schweren Eisen, keine zu dicken Nägel, oft Sohle (ob Leder oder Kunststoff), kurze Zehe, nicht zu hoch genagelt, der richtige Winkel. Das alles entscheidet schlussendlich über den Rennverlauf und über Erfolg oder Misserfolg.

Es ist keine Seltenheit, dass man zwei Wochen vor und eine Woche nach dem Ritt den Hufschmied im Stall hat - nach dem Ritt, um neue Eisen in die alten Löcher zu geben oder um die alten Eisen, sofern möglich, aufzuschweissen. Wer sein Pferd kennt, kann mit dem Schmied gleich zu Beginn des Jahres sämtliche Termine fix abmachen. Die meisten Hufschmiede schätzen so genaue Planung!

Weiter gehören in die Jahresplanung Entwurmungen und Impfungen. Nie zu kurz vor einem Ritt, nie die Abstände zu gross werden lassen. Möchte man ein neues Futter versuchen, einen neuen Sattel bestellen, am Beschlag etwas Grundlegendes ändern ... so tut man das NIE in der Saison. Dafür ist das Winterhalbjahr da. Gleiches gilt für chiropraktische, ostheopathische oder zahnärztliche Behandlungen. Notfälle natürlich ausgenommen.

 

 

 

Eigene Erfahrungen

Und zuletzt, um einen Einblick in diesen Sport zu geben, was alles dazu gehört, was man so fühlt und denkt ... Ein Erlebnisbericht den ich zwei Tage nach dem Rennen im Jahr 2002 für meine Freunde geschrieben habe.

So langsam beginne ich die Eindrücke zu verarbeiten. Das nationale Distanzrennen über 96 km in Bellinzona (Tessin/Schweiz) am Wochenende vom 25./26. Mai 2002 war wieder mal was ganz Spezielles! Es hat so vielseitige Anforderungen gestellt, dass die grosse Begeisterung gleich nach dem Ritt auf sich warten liess ... dafür kommt die Erinnerung jetzt um so deftiger und eindrücklicher.

Landschaftlich und vom Schwierigkeitsgrad her war es sicher nicht annährend so reizvoll oder so schwierig, wie das Rennen in Faido, das Kouhnama im Jahr 2001 gewann. Damals war einfach alles von A-Z traumhaft. Die Landschaft sehr abwechslungsreich und atemberaubend, eine Schlaufe à 91 km, sehr viel bergauf und bergab, ca 3000 m Höhendifferenz zu überwinden, technisch sehr anspruchsvolles Gelände - seufz ... ach, der Ritt in Faido ist für immer verloren, er wird wegen der Neat-Baustelle nie mehr durchgeführt werden können und ich werde ihn den Rest meines Lebens vermissen. In Bellinzona war alles ganz anders!

Am Mittwoch vor dem Rennen habe ich am Vormittag noch gearbeitet bis 14 Uhr, dann ab nach Hause. Theoretisch hätte ich den Hufschmied gehabt, doch den habe ich abgesagt. Nach fünf Wochen waren die Eisen noch so fest, runter reissen nur um neue Eisen in die alten Löcher zu tun, hätte die Wände gefährdet (dafür mussten wir dann am Rennen nach 66 km den Hufschmied haben weil alles lotterte, super!). Dachte, ich hätte so Zeit, zu packen, denkste. Schlimme Migräne, ich habe grade mal Kouhni etwas auf dem Viereck longiert (nur im Schritt ein wenig Doppellonge), dann nach Hause und schon 19.30 im Bett!! Schlief durch bis Donnerstag 7 Uhr, Kopfweh war fast weg und ich fühlte mich besser. Fing an zu packen - Mensch, ich war längst nicht mehr so flugs wie früher! Das erste Mal im Jahr ... und nicht mit dem Hänger, den ich immer habe, weil die meine Reservation schlicht vergessen hatten, bzw sie ihn selber brauchten ... naja. War sehr froh, dass ich Dianas Hänger nehmen durfte, denn das ist die gleiche Marke und ich bin mir das Packen mit diesem Hänger gewohnt. Nur fehlte mir halt die Tonne von Andrea, worin ich bisher immer alles was zum Sattelzeug gehörte verstaute. Na, mit etwas Erfindungsgeist schaffte ich es doch ... und mit einer Stunde Verspätung fuhr ich um 14.30 vom Stall weg.

In Jona stieg Nicole beim Bahnhof zu und da regnete es schon ziemlich, also luden wir Kouhni vor den Augen überraschter Bahngäste rasch aus und legten ihr die Bucas Regendecke an. Unsere Fahrt über die Axenstrasse und durch den Gotthard dauerte grade mal 3 1/2 h - ist eigentlich sensationell, nicht? Wir hatten Glück, dass wir noch an der Lastwagen-Kolonne vorbei kamen (die kanalisierten ja immer noch und liessen den LKW-Verkehr nur einseitig gestaffelt durch den Gotthard). Riesige LKW-Schlange, sicher 5 km! Dafür kam im Gegenverkehr praktisch nur Schwerverkehr (gibt einem auch ein etwas mulmiges Gefühl, kann ich euch sagen!). Natürlich regnete es trotz unserer Beschwörungen auch ennet dem Gotthard. Und wie!!! Faido vor einem Jahr bei unserer Ankunft lässt grüssen, haargenau das gleiche, das muss tessinspezifisch sein, diese schleusenmässigen Regengüsse, g*.

In Bellinzona schüttete es sogar noch schlimmer, grässlich und kaum vorstellbar! Und im Hänger drin war alles platschnass, so richtig gruusig. Kouhni war sogar an den Ohren vorne nass. Bucas sei Dank war sie unter der Decke jedoch warm und trocken. Wir haben sie eilig ausgeladen und ins Boxenzelt geführt. Kein rumlaufen nach der Fahrt, aber nicht in dem Regen, nein danke! Innert Kürze glupschte schon das Wasser in unseren überhaupt nicht wassertauglichen Turnschuhen.

Dann konnten wir unser Zimmer im J+S-Zentrum beziehen. Super genial, ein Viererzimmer! Und wir waren ja zu viert. Nicole und ich haben uns also eingerichtet, Kouhnis nasse Decken und unsere völlig durchnässten Schuhe, Jacken und Hosen zum Trocknen aufgehängt. Das stank vielleicht fürchterlich nach Pferd, Bananen und Schuhen, gewöhnungsbedürftig ... Bald kamen dann auch Daniela und Marcel dazu. Das anschliessende Nachtessen in der Pizzeria war sehr fein, aber es war laut und man hätte meinen können, wir seien in der Deutschschweiz, hihi! So viele Rennteilnehmer und ihre Grooms waren da.

Freitag morgen, Ihr glaubt es nicht, strahlendes Wetter!!!!! Wir konnten nach dem Frühstück ein Padock machen, alle nassen Sachen aus dem Hänger in die Sonne hängen oder stellen und dann gingen Nicole, Daniela und Marcel zusammen auf die Strecke um die Groom-Punkte zu suchen. Ich füllte die Kanister und sattelte Kouhni um Start/Ziel abzureiten. Wir waren eine ganze Gruppe und mussten uns durchfragen, weil die Markierungen noch nicht alle standen. Das war was!! Zwei Pferde in der Gruppe führten sich völlig hysterisch auf, so lange, bis alle anderen auch zu zackeln und zappeln anfingen, das Rennfieber lag in der Luft und hatte alle erfasst. Sogar erfahrene Kaderreiter waren leicht nervig und Kouhni natürlich auch. Die Gruppe gedachte die ganze gelbe Schlaufe zu reiten - das waren 24 km. Nein danke, aber nun den gleichen Weg zurück?

Ich erinnerte mich an eine Brücke in der Hälfte und beschloss, auf der anderen Seite des Flusses retour zu reiten, das war auch auf Strecke und somit markiert. Eine andere Reiterin schloss sich mir an und wir fanden so wenigstens auf dem "Heimweg" etwas Frieden. Wir durften gleich noch zwei deftige Wasserquerungen machen und eine Geröll-Sandbank im Fluss durchreiten. Schlussendlich waren wir 2 1/2 Stunden unterwegs und ich hatte meinen ersten Sonnenbrand weg. Keine Sonnencrème dabei! Es war jetzt so heiss, dass ich Kouhni nicht draussen an der Sonne ohne Schatten lassen konnte, Pferde kriegen auch Hitzschlag, oder?! Ich stellte sie also in die Boxe und hob die Plane unter dem Dach etwas an, damit die Luft etwas zirkulieren konnte.

Die Vorkontrolle war der Thriller! Unglaublich, aber wahr (mich traf fast der Schlag) Kouhni hatte 2x Eingangspuls 56 (Max 60 sind erlaubt). Eigentlich gibt es bei einer Eingangskontrolle bei so erfahrenen Pferden keine Pulsprobleme - Kouhnama liegt normal zwischen 32-36!!!!!!! Unter dem Zeltdach, wo gepulst wurde, brach ihr sofort der Schweiss aus. Der TA meinte, es sei die Hitze und das Flüssigkeitsmanko die ihr zu schaffen mache. Mir war trotzdem etwas mulmig und ich fragte mich, ob wohl der Cocktail aus Schüssler Salzen, den ich ihr am Morgen verabreicht hatte, schuld an dem hohen Puls war.

Kouhni trötzelte seit Donnerstag, und wie!!! Schon als ich sie im Stall zu Hause abholen wollte und sie mich mit Decke und Gamasche erblickte, rannte sie auf den Padock heraus. Sie streckte mir das das Hinterteil entgegen, so quasi, hau ab, ich weiss was Du willst, aber nicht mit mir!

Puh! Und in der Zeltboxe hatte sie grade mal 3 x 3 m - klar, dass sie das stresste, so viel Platz wie ihr sonst zur Verfügung steht. Null Sicht in die Weite und wegen der grossen Hitze am Freitag auch keine Chance, sie auf den Padock draussen zu stellen. Dieses Wetter! Mal regnete es in Strömen, da konnte man erst recht kein Pferd auf den Padock stellen, oder aber es schien die Sonne so gnadenlos und brennend, dass man widerum darauf verzichtete.

Aber wir hatten trotz allem noch Glück. Die andere Seite des Stallzeltes stand in einer grossen Pfütze, dass heisst in den Boxen stand das Wasser ca 10 cm hoch und die Reiter schöpften mit Eimern Wasser aus den Boxen!! Kouhni hatte es wenigstens halb trocken. Wir streuten alles uns zugeteiltes Stroh und auch noch Heu ein, so dass es wenigstens nicht mehr so saftete. Es war nicht zu befürchten, dass sie sich bei so wenig Raum hinlegte. Primaballerina strafte mich für ihre beengten Platzverhältnisse. Sie frass sehr schlecht und trank noch weniger. Beides war total untypisch. Normal frisst und trinkt sie am Wettkampf bereits am zweiten Tag problemlos. Am Donnerstag war mir das noch egal gewesen, aber im Laufe des Freitags wurde ich langsam nervös. Ihr wisst, wie verfressen sie ist! Und aufs Mal mäkelte sie rum und das Futter blieb übrig. Grrrr. Na, reinstopfen konnte ich es ihr ja schlecht, nicht? Ich machte mich vor den anderen Reitern fast zum Narren, als ich versuchte ihr das Futter schmackhaft zu machen. Schliesslich liess ich es sein. Selber schuld, nicht?

Bei der Vorbesprechung wurde bekannt gegeben, dass noch nicht sicher sei, ob die grüne Schlaufe, die wir 2x zu reiten hatten, frei gegeben würde. Es hatte so sehr geregnet, dass eine der Bachquerungen zu gefährlich geworden war. Marco (der Veranstalter) wollte am Morgen um 5 Uhr zuerst die Stelle besichtigen gehen und uns kurz vor dem Start um 6 Uhr orientieren. Glücklicherweise hatte es nicht mehr geregnet und so erhielten wir dann tatsächlich 10 Minuten vor dem Start die Mitteilung, die Strecke bleibe wie geplant bestehen.

Ich war völlig im Clinch. Welche Taktik sollte ich reiten? Weil es gleich auf den ersten 10 km ein paar blöde Wendungen und Terrainunterschiede hatte, beschloss ich, die Spitze zu übernehmen. Es war mir klar, dass es schwierig sein würde, einen Abstand raus zu reiten aber ich wollte es dennoch versuchen, schliesslich hatte ich am Vortag die Startstrecke auf fast 8 km Länge abgeritten.

Christine hängte sich gleich an mich und es war klar, dass ich sie nicht loswerden würde. Sie reihte sich aber immer problemlos hinter mich ein, ihr Pferd hatte die gleiche Kadenz wie Kouhni, also kein Stress. Kilometerweise im Galopp auf sehr steinigen Wegen der Autobahn entlang, fast alles geradeaus, holten wir keinen Vorsprung raus, aber wenigstens konnten wir das Tempo bestimmen. Dann folgte ein anspruchsvolles Stück durch den Wald. Geschlungene, schmale Pfade, mit andauernden Richtungswechseln. In so technischem Gelände ist Kouhnama Spitze, wir machten da extrem Boden gut, unsere Pferde galoppierten alles locker und wendig, während die anderen traben mussten. Über eine lange Beton-Hängebrücke, dann wieder Kilometerweise geradeaus. Bei Kilometer 10 hatten wir noch immer etwas über 20 km/h im Schnitt drauf - und das gesamt übrige Startfeld wieder im Genick.

Kreuth (zu schnell geritten, Pferd übersäuert und in der Schlusskontrolle raus) liess grüssen, nein danke! Nicht noch einmal, nicht mehr mit mir!!! Ich beschloss, mich nach hinten abzusetzen und liess alle vorbei. Kouhni atmete schon recht schwer und ich wollte nicht, dass sie schon jetzt ans Limit kam, das Rennen war noch lang. Lieber gegen Schluss Reserven mobilisieren können. Kurz darauf der erste Groompoint. Meine Betreuer warfen die Hände in die Luft, "viel zu schnell", ich: "JAJAJA", ich lasse sie jetzt ziehen. Sah, dass sich etwas weiter vorne Adri auch zurück fallen liess. Ihr Mann Franz, der selbst tausende Rennkilometer gemacht hat, schien ihr den Marsch geblasen zu haben ... g*.

Kouhni jetzt zu beruhigen war nicht ganz einfach. Vor allem fiel mir auf, dass sie aus dem Maul blutete. Am nächsten Groompoint haben wir daher auf den anderen Zaum mit der Trense gewechselt. Irgendetwas war mit dem Tellington-Gebiss schief gelaufen, aber so von hinten konnte ich nicht sehen was. Für gewöhnlich reite ich die ersten Kilometer mit einem Stangengebiss, damit ich unser Tempo bestimmen kann und nicht Kouhnama oder gar das Feld. Das war bisher immer problemlos gewesen.

Nach dem Wechsel lief sie noch schlechter, total gegen die Hand, vor allem links, da hatte sie in der Maulecke einen Riss. Gerade das verstand ich nicht, ist doch links meine schwache Hand. Vermutlich hat der Kinnriemen ihr die Maulspalte geklemmt und die Haut zerrissen ... Kurz darauf holte ich Adri ein. Ich bat sie, mich vor zu lassen, da Kouhni immer so nahe auf Sacara aufschloss, dass ich ihr dauernd im Maul hing. Es war grässlich. Adri liess das Pferd immer wieder das Tempo verschärfen, und immer wenn ich Kouhni wieder im Rhythmus hatte, zog Sacara erneut an, grrrr.

Als wir an den besagten Fluss kamen, stockte mir schon der Atem. Mensch! Da standen drei Leute bis zum Bauch im Wasser und loteten aus, wo wir durchreiten mussten. Und das Ding war recht breit ... vielleicht 15 m? Gerade rüber wären wir auf gesamter Pferdehöhe eingesackt. Riesige Steine, etwas Strömung. Kouhni in der Manier bringen wir's hinter uns à la Military, rein da. Aber schnell geht in so einer Situation nichts, schon wieder Streit mit meinem Ross, ich musste sie anschreien, dass sie auf mich hörte. Ihre Füsse kippten nach allen Seiten, sie rutschte von den Steinen, strampelte, Wasser spritzte, meine Beine waren nass. Irgendwie kamen wir rüber, fragt nicht wie! Dann drüben am Ufer über steile Felsbrocken hoch, Kouhni natürlich mit Anlauf aus dem Wasser, rutsch, rutsch, zappel, oben waren wir, uff!

Weiter über vermooste Steine, langsam ... ??? Kouhni zog bei jeder Gelegenheit wieder an, trabte, galoppierte, und es war elend schwer, sie immer rechtzeitig vor Wurzeln oder Steinlöchern wieder in den Schritt zu bringen. Ihre Ohren nach vorne gespitzt, sie wusste genau, dass das Feld vor ihr auch da durch war und sie hoffte offenbar, irgendwann wieder aufzuschliessen, seufz.

Eine ganze Weile waren wir so unterwegs, als Kouhni wieder mal so leicht runter und um eine Linkskurve angaloppierte, und ich den Weg suchte. Wo durch? Gleich darauf sträubte es mir für den Bruchteil einer Sekunde die Haare im Genick. Erster Impuls wäre bremsen gewesen, aber zu gefährlich, denn der Weg war schmal, rechts ging es steil runter, wenden nicht gut möglich, da es links steil bergauf ging. Ein knapper halber Meter Platz da. Wenigstens realisierte ich das, also nach vorne, Mähne gefasst, Beine zu und Kouhni angefeuert. Zügel lose, sollte Kouhni selbst sehen, wie sie da rauf kam! Gute Reaktion meinerseits (ein wenig Lob darf ja sein, nicht, g? ... an der Stelle haben sich einige Pferde verletzt, weil sie zu langsam hoch kamen). Von unten betrachtet sah es aus, wie wenn man senkrecht die Wand hoch müsste (was natürlich nicht so war - von unten täuscht es wohl gewaltig). Es handelte sich um ca 3-4 m Höhendifferenz. So flache schmale Erdstufen, abgeschlossen mit abgerundeten Hölzern. Dazwischen fehlten ein paar Stufen, es gab nur Erdreich und dann immer wieder ein paar Felstritte. So quasi eine Treppe, aber unregelmässig und im leichten Zickzack. Das Erdreich war locker und sehr sehr nass, gab mit jedem Schritt nach! Fragt nicht, wie Kouhni das gemacht hat, auf jeden Fall waren wir oben, es ging wieder runter und ich hörte Adri hinter mir tief ausatmen und uff rufen. Ich musste mich erst wieder sammeln, dann sagte ich trocken: "das war deftig, nicht?" Und Adri: "Ja, nicht mal auf dem Jakobsweg hatten wir so brenzlige Situationen!" (Adri und Franz sind letztes Jahr diesen Weg von der Schweiz bis Spanien geritten und da gab es wohl auch einige knifflige Stellen ...) Tja ... guuuuute Pferde, braaaaav !!!!!!!!! Loben, tätscheln!

Wir sind noch eine Weile zusammen weiter, ständig im Streit mit unseren Rössern, weil sich die beiden Pferde gegenseitig konkurrenzierten. Schliesslich sagte ich zu Adri: "Sorry, so geht das nicht, das stinkt mir!" Sie war meiner Meinung und entschied, sie müsse sowieso hinter die Büsche ... also sind Kouhni und ich alleine weiter. Bis ins Ziel waren es da noch ca 18 km.

Von da an ging es bis ins Ziel eigentlich sehr gut. Es kam auch nichts Schlimmes mehr, nichts, was uns nach den letzten drei Geländeschwierigkeiten (vom doofen giftigen Aufsprung habe ich nicht erzählt, das kann ich nicht beschreiben) noch geschockt hätte. Die letzten Hundert Meter vor Start/Ziel/Vet-Gate gingen wir im Schritt, so dass wir sie schon nach drei Minuten zeigen konnten.

Die gelbe Schlaufe ödete mich während des Rennens grässlich an, rückblickend betrachtet war es wohl nicht soooo schlimm, hihi. Das ganze Start/Ziel! Es ging nämlich IMMER gleich raus, immer gleich rein - und das Kilometerweise. Schlechte Karten für MICH! Bei Wiederholungen habe ICH Motivationsprobleme, die sich natürlich schlagartig aufs Pferd übertragen. Ca 8 km gleiche Strecke. Raus der Autobahn entlang, rein endlose lange Traberei auf den Nebenstrassen von Bellinzona, durch die Wohnquartiere und natürlich auf Teer! Als wir um ca 9 Uhr auf die gelbe Schlaufe gingen, war es schon verdammt heiss. Diese Hitze! Und schwül war es! Es staute sich, denn wir ritten ja in der Talsohle, fast auf Flusshöhe. Kein Lüftchen! Kouhnama atmete sehr schwer und sie wollte nicht so recht vorwärts, weil wir alleine waren.

Bis ca km 15 ritten wir mutterseelenallein, aber so hatten wir wenigstens unsere Ruhe. Wir waren nicht top motiviert, doch niemand störte unseren Rhythmus. Dann war es vorbei mit Frieden. An einem Groompoint trafen wir auf die Reiter der CH-Meisterschaft (internatonales Rennen über 148 km) die von der roten Strecke zurück kamen. Von da an bis ins Ziel, verlief ihr Weg wie der unsere. Grässlich! Natürlich ritten die wie die Verrückten und natürlich waren sie in der Talsohle fast kilometerweit immer wieder zu sehen. Sie verschwanden und tauchten nach ein paar Kurven immer wieder im Blickfeld auf. Von hinten überholten uns ständig weitere Reiter dieses CEI 140! Grrrrr! Kein Frieden mit meinem Pferd. Sie ist fürchterlich ehrgeizig, möchte jedes Tempo mitgehen! Neinneinnein!

Dann mussten wir ein rechtes Stück weit im Fluss mit der Strömung reiten. Vorne sah ich noch in Ufernähe ein paar Reiter, also wählte ich ungefähr die direkte Linie zu ihnen. Weiss nicht wie uns geschah, plötzlich sackte mein Pferd vorne weg, tauchte mit dem Kopf bis zu den Augen unter Wasser. Ich fühlte, es fehlte fast nichts zum kompletten Sturz ins Wasser. Natürlich riss ich am Zügel um ihr wieder hoch zu helfen, natürlich verlagerte ich mein Gewicht so gut es ging nach hinten. Sie riss mit gewaltiger Anstrengung die Vorderbeine aus dem Wasser, landete, und tauchte wieder, immer wieder auch mit dem Kopf unter Wasser. Dreimal musste sie das machen, immer ein klein wenig vorwärts laufend dabei, bis sie nicht mehr einbrach. Als wir auf dem Geröll am Ufer angelangt waren, stieg ich ab und kontrollierte ihre Beine. Sie zitterte wie Espenlaub, doch es war nichts zu sehen. Ich führte ein paar Schritte und mit jedem Schritt auf diesen grossen Steinen kippte sie nach allen Seiten weg. Ich konnte das kaum mit ansehen, also bin ich wieder aufgestiegen. Ich kann sie sowieso besser beisammen halten vom Sattel aus. Die Beanspruchung der Gelenke dabei war enorm! Dann kam eine lange Sandbank. Kouhni wollte verzweifelt den beiden Reiterinnen hinterher, die uns nach unserem Fast-Salto im Wasser überholt hatten. Aber sie schnaufte zu schwer, ich musste sie zurück halten.

Der Weg ins Ziel war schwer, aber wir konnten uns auf der Teerstrasse durch Bellinzona mental wieder sammeln und beruhigen. So einfache Wegstrecken haben halt auch was für sich, g*.

Im Vet-Gate konnten wir sie schon nach vier Minuten präsentieren. Sie trabte locker flockig, sah immer noch bildschön aus. Der Ausdruck wach und helle. Man sah schon sehr viele Pferde völlig ausgepumpt Rumstehen. Die Hitze war inzwischen gewaltig geworden. Ich sass wie eine tote Fliege im Schatten, schon mit schmerzenden Schultern und Null Motivation für die nächste Runde, die ich ja schon genau kannte. Mein Pferd in der prallen Sonne wollte nur eines, grasen!

Als wir weiter ritten, ging es nicht lange, bis wir von einer weiteren Christine, einer Rennteilnehmerin des langen Rennens über 148 km, eingeholt und überholt wurden. Da ging der Kampf mit Kouhni wieder los. Ich konnte da nicht mit! Die Kadenz war wieder ein Mü schneller, als mein Pferd laufen kann. Also wieder Kouhni beruhigen, die andere ziehen lassen. Langsam wurde es öde und ätzend. Mich nervte das gewaltig. Keine Chance, jemals einen Rhythmus zu finden!!! Denn Christine wurde ich nicht los, egal was ich machte. Liess ich mich zurückfallen, traf ich sie wieder, weil sie sich verritten hatte. Wieder musste ich sie vor lassen, wieder der Kampf mit Kouhni. Nächstes Mal holte ich sie ein, als sie ihr Pferd im Bach saufen liess. Mensch, hörte das nie auf!!! Wieder Kampf. Diesmal schlimm, denn sie beeilte sich nun plötzlich nicht mehr, und so sahen wir sie ständig vor uns.

Es kam noch schlimmer! Wir holten nun fast zu zweit Annemarie ein, auch im langen Rennen gestartet. Sie hatte vor knapp zwei Monaten ihr Kind gekriegt und litt unter Schmerzen an den Brüsten - Brustentzündung! Ich überholte sie, galoppierte an, da entschloss sie sich, doch mit mir zu kommen. Unnötig zu sagen, dass sie mir Kouhni wieder jagte?! Es war einfach nicht unser Tag, grrrrr.

Wir schlossen zu Christine auf. Die legte plötzlich wieder ihr Tempo vor, Annemarie ging mit und ich auch, weil ich wusste, vorne kam ein Groompoint. Wollte die beiden dann laufen lassen. Aber sie hatten es überhaupt nicht mehr eilig, also ritt ich weiter. Ging nicht lange, hatten sie mich eingeholt, wollten bei mir bleiben. Da wurde ich leicht energisch und sagte: "So nun geht doch schon endlich. Euer Tempo passt für uns überhaupt nicht!!!" Ich musste Kouhni dann ein wenig grasen lassen um Abstand zu bekommen. Ich war der Kämpferei überdrüssig, wollte partout nicht mehr auf diese beiden treffen.

Aus dem Bündnerland näherte sich eine graue Wand. Hinter mir stahlblauer Himmel und Sonne, vor mir trüb und dunkelgrau. Und es kam schnell, sehr schnell!!!! Fast wie wenn ich durch einen Vorhang reiten würde, waren wir plötzlich mitten im schlimmsten Regen. Haha! Wir hatten gestöhnt wegen der Hitze und uns kühler gewünscht, aber gleich solchen Regen? Nein danke. Das Wasser lief mir den Beinen nach runter in die Schuhe. Innert Kürze stand es mir da bis zu den Knöcheln. In den Handschuhen sammelte es sich auch. Ich begann zu frieren, und wie. Einzig meinem Pferd ging es schlagartig viel besser. Sie atmete freier, war wieder frisch und knackig, hatte voll Zug drauf. Noch fast 20 km bis ins Ziel!!! Ein wenig grotesk war es dann, als ich Nicole, eine unserer Betreuerinnen, mit zwei Kühlflaschen im Wald auf uns warten sah. Ich brach in schallendes Gelächter aus und kühlte dann trotzdem. Kouhni schien es zu mögen.

Bis ins Ziel wurden wir dann (nach den Geländeschwierigkeiten die beim zweiten Mal noch schlimmer wirkten als das erste Mal, weil wir doch langsam müde wurden) immer schneller. Sie wollte heim, ich auch. Ganz witzig war es, als wir an einem Campingplatz vorbei kamen ... sie zog da zielstrebig hin, quasi ... daaaaaa ist doch unser Lager, daaaa sind wir zu Hause, ... nicht??? Es sah wirklich ein wenig aus wie damals in Faido!!!

Im Ziel kam ein fieser Wind auf. Was tun? Es goss in Strömen, trotzdem schickte ich Nicole mit der Bucas weg. Wir legten dann nur die schon nasse Satteldecke über die Kruppe (wegen dem Wind), doch das trieb den Puls rauf. Da ich so rasch wie möglich zeigen wollte, nahm ich die Decke runter, riskierte aber damit, dass mir mein nasses und erhitztes Pferd steif wurde. Der Wind kühlte schnell und so wagten wir es nach knapp zehn Minuten Kouhni zu zeigen. Puls 54 (60 erlaubt), grrr, wir hätten sogar noch eher ins Vet gekonnt. Ich fand, sie trabte gut, wie immer, leicht steif, aber beidseitig gleich. Einzig, sie trat (wie ja IMMER, das ist IHRE Gang-Eigenheit) rechts gelegentlich kürzer. Was kam? Thriller, ohne geht es scheinbar bei Kouhnama nicht. Der TA verzog keine Miene, liess uns in Wind und Regen stehen, untersuchte fertig und rief dann erst, ca vier Minuten später (!!!) seine Kollegen. Inzwischen fror ich jämmerlich und auch Kouhni hatte sich zusammen gezogen.

Wir mussten auf dem Teer traben. Jammer, jammer, zeter, wehe wenn das Pferd nun nach dem langen Rumstehen lahm ging!!! Als ich retour trabte, blickten alle bedenklich, fürchterlich ernst. Oh nein!!!!!!!!! Dann steckten sie die Köpfe zusammen und tuschelten. Schliesslich mit Leichenbitterermine, ja ist gut, wir gratulieren. Warum konnte ich nicht jubeln, warum mich nicht überschwänglich freuen??? Mich nervt das ganze einmal mehr. In Zukunft bestehe ich bei der Eingangskontrolle darauf, dass in der Checkkarte vermerkt wird, dass mein Pferd ca jeden dritten Schritt rechts kürzer tritt, von Anfang an, das verändert sich nicht! Das ist und war immer so! Sie war eh nicht mehr sooo motiviert, da erst recht schlurfte sie beim Vortraben am Schluss, bloss nicht noch eine Runde rausgeschickt werden, tsss. Natürlich freuten wir uns dann trotzdem ... Meine Grooms führten Kouhni in den Stall und verwöhnten sie richtig, ich ging Richtung Dusche. Da stand ich dann ca 15 Minuten unter dem heissen Strahl und danach ab ins Massenlager.

Die anderen drei kamen auch nach, duschten, und um ca 16 Uhr, lagen wir alle völlig erledigt in unseren Schlafsäcken und schliefen bis 18 Uhr. Geweckt wurden wir durch das Menschengeplapper auf dem Gang draussen, die Rennteilnehmer des Internationalen Rittes/CH-Meisterschaft waren bei der Dopingprobe ... Scheinbar hatte wer Mühe mit Wasser lassen, kicher. Tja, das Trinken ist eben auch ein zentrales Thema, auch die Reiter trocknen gerne aus.

Einmal wach, machte ich mich erst mal mit Heisshunger über die Kühlbox her. Dann zu Kouhni in den Stall. Daniela gab ihr zu fressen (die hatte denselben Heisshunger wie ich vorhin, ggg* - kein Wunder, nachdem sie drei Tage mäklig gefressen hatte) und Marcel und ich gingen den Hänger packen, da es gerade mal nicht regnete. Das Sattelzeug mussten wir draussen lassen, da man uns gesagt hatte, berittene Siegerehrung auf dem Schloss, bei schönem Wetter. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch immer nicht, welchen Rang wir gemacht hatten, es war mir erstmals auch völlig schnuppe. Kouhni war sehr gut gelaufen, sie hätte mehr gekonnt ... wenn ich ... naja. Nicole hatte mir gesagt, von den elf Startern seien nur vier durchgekommen. Nach mir noch Adri, und wer 1. und 2. gemacht hatte, fanden wir auch raus, also mussten wir wohl 3. geworden sein??? Na, wir würden es ja dann am Sonntag hören, hihi.

Glaubt es oder nicht: Am Samstag legten wir uns um 23 Uhr bei Sturm und strömendem Regen ins Bett und als wir um 7 Uhr den Vorhang aufzogen, begrüsste uns blauer Himmel und die Sonne. Unglaublich! Juhuu, Kouhni und ich würden auf dem Schloss zur Siegerehrung antreten!! Im Stall bemerkten wir, dass ihre linke Maulecke heiss, hart und geschwollen war. Schlimm!!! Der TA meinte dann, gut salben und kein Gebiss rein. Na, ich machte es doch, denn auf den Fotos wollte ich nicht so läppisch mit Halfter da stehen. Ich ritt aber am Halfter hoch und das ging ganz gut.

Die Kulisse, das Wetter, die Ehrungen ... wo wir natürlich nur die Nebenrolle spielten, egal ... Hauptakteure waren die Starter der CH-Meisterschaft. Es war sehr, sehr feierlich und eindrücklich. Jagdhornbläser, Reden und Ansprachen ... und ein Gabentisch, ich dachte, mich tritt ein Elch. Zu viert konnten wir kaum tragen, was wir alles bekamen! Einen wunderschönen Messingteller, graviert mit den drei Schlössern von Bellinzona, dem Rang und der Prüfung ... Minichaps, unzählige Pflegeprodukte, Gutscheine, Würfelis fürs Pferd ... Super!

So, das war's. Ich könnte noch viel mehr erzählen. Es sind gewaltige Eindrücke. Alles liegt so nahe beieinander. Freude, Frust, Stolz, Ärger ... so wechselhaft wie das Wetter waren die Stimmungen. Das Team mit den drei Grooms - einsame Spitze! Es funktionierte alles wie am Schnürchen. Sie verstanden sich bestens, packten überall mit an. Keiner hat sich irgendwie abgekapselt, gestreikt, auch wenn alle müden waren, haben sie ihren Teil gemacht. Gerade mit dem nassen Wetter waren wir alle extrem gefordert, gab es einiges mehr an Aufwand als sonst.

Heute bin ich unglaublich erleichtert, dass wir gut und heil angekommen sind und ich bin sehr stolz darauf, dass wir auch ein Jahr nach unserem Sieg in Faido wieder in den Rängen klassiert waren. Will nicht dran denken, dass es wieder mal am seidenen Faden TA hing. Für mich lief Kouhni Spitze, und die die sie kennen, sagten einstimmig, sie laufe immer so ... nur zusätzlich beidseitig etwas steif, aber das darf sie ja auch nach 96 km in dem Gelände und dieser Witterung, nicht? Schnitt haben wir noch 12.38 km/h gehabt, die Erstklassierte war ca 40 Minuten schneller ... Kouhni und ich haben über eine halbe Stunde mit bremsen, kämpfen und groomen verloren ... gelaufen sind wir annährend so schnell wie die Siegerin und ein zweiter Platz wäre im Rahmen des Möglichen gewesen, wenn ... doch es ist gut wie es ist!! Wir haben auf jeden Fall sehr viel gelernt ... Vor dem Ritt haben alle gesagt, das werde ein fürchterlich schnelles Rennen!!! Jaja, war es auch, dann haben sich fast alle selbst "ausgeknockt" mit ihrer Raserei ... manchmal ist es halt flach und man kann doch nicht auf tutti reiten, gerade die Witterung machte dieses Rennen zu einer wirklichen Herausforderung.

Kouhni stand übrigens am Samstag Abend völlig aufmerksam und fit in ihrer Boxe, keines der anderen Pferde konnte es darin mit ihr aufnehmen. Sie hatte auf dem Ritt bis zuletzt noch scheuen können. Vermutlich hätte sie wirklich noch ein wenig schneller gekonnt, aber ich habe sie ja bewusst immer etwas unter der kritischen Grenze gehalten. Dass mir das trotz der Kämpferei gelungen ist, darauf bin ich enorm stolz, denn gerade das ist nicht einfach. Sie sah den ganzen Ritt über zu jeder Zeit immer hellwach aus, man sah den Willen zu laufen. Nur kurzfristig im Ziel war ihr die ganze Motivation abhanden gekommen ... wie mir auch, wegen dem ganzen Regen, bäh! Ich möchte diesen Ritt trotzdem nicht missen - und wer weiss? Vielleicht, wenn es den Ritt im Jahr 2003 wieder gibt und wir alle gesund bleiben, gehe ich dann mit einer 16 jährigen Kouhnama wieder an den Start?!

***
Kouhnis Maul heilte langsam ... wir ritten fast drei Wochen am kurzen Hackmore durch die Gegend. Ausserdem bildete sich am einen Schienbein ein Überbein. Sie hat ja auch ein paar Schläge erwischt an den Beinen. Die Therapie mit der Magnetfeldgamasche wirkte soso lala, solange es aktiv war. Jetzt scheint es zu verknöchern ... ob es je wieder weggeht, bleibt abzuwarten. Ich füttere Schüssler Salze und therapiere weiter. Zumindest so lange, wie Kouhnama auf die Gamasche Reaktion zeigt. Lahm geht sie ja nicht und im Spital meinten sie, es gebe keinen Grund zur Sorge. Ein Kratzer, ein Schlag kann halt so was auslösen ...

 

 

Vielen Dank Brigit
(sie ist nebenbei noch die Verantwortliche für die Junioren/Young Riders beim SDV)
dass Du die Zeit gefunden und den Aufwand nicht gescheut hast,
diesen Mamut-Bericht für mich auf die Beine zu stellen!!

Wünsche Dir alles Gute in den hoffentlich noch viele erfolgreiche Saisons mit Deiner Kouhni!
Und das Angebot als Groom besteht natürlich weiterhin!

falls jetzt noch irgendetwas unklar ist: