der Araber im Sport:

 

 

Geschichtlicher Rückblick

Grundlagen der Ausbildung

6 Etappenziele, Skala der Ausbildung

der Dressur-Araber

Ausrüstung

Dressurprüfungen

Ein Tipp für Fotografen

Und zuletzt ...

Literatur

Interview mit Steffi Bürgin

Dank an Steffi Bürgin und El Shachad

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geschichtlicher Rückblick

Bereits vor 2400 Jahren hat Xenophon, ein Grieche, ein ausführliches Buch über die Reitkunst geschrieben. Er zitiert darin noch ältere Werke, welche aber leider nicht mehr erhalten sind. Pferdeausbildung hiess für dieses Volk Einfühlung und gute Behandlung, denn "Erzwungenes und Unverstandenes ist niemals schön und wäre gerade so, als ob man durch Peitschen und Stacheln einen Tänzer zum Umherspringen zwingen wollte; dadurch wirken Mensch wie Pferd eher hässlich als schön."

Leider geriet dieses Wissen lange Zeit in Vergessenheit. Erst im 16. Jahrhundert entdeckten die Italiener die alten Schriften Xenophons wieder und begannen, die Reiterei wieder als Kunst zu pflegen. Allerdings beweisen zahlreiche Erfindungen von Gebissen aus dieser Zeit, dass es immer noch mehr um Unterwerfung als um Einfühlung ging.

Pluvinel, der Stallmeister Ludwigs XIII, gilt als einer der Neubegründer der Reitkunst. Er stellte die individuelle Behandlung des Pferdes in den Vordergrund. Zuerst wurden seine Ansichten belächelt, ebneten aber den Weg für den grössten Rittmeister Frankreichs: François Robichon de la Guérinière. Bedingt durch die französische Revolution und die Umwälzungen an vielen Fürstenhöfen ging leider viel Wissen verloren. Einzig die spanische Hofreitschule in Wien pflegt die Tradition Guérinières bis heute weiter.

Reitkunst ist international und begeistert sowohl den Fachmann als auch den Schönheitsliebenden.

 

 

Grundlagen der Ausbildung

Die beste Theorie nützt nichts, wenn die praktische Durchführung nicht deren Richtigkeit beweist. Aber hat nur das Pferd etwas zu lernen? – Das Pferd lehrt dem Menschen Selbstbeherrschung, Konsequenz und Einfühlungsvermögen in Denken und Empfinden eines anderen Lebewesens. Nur wenn der Mensch die Ausbildung seines Pferdes – insbesondere des Araberpferdes – unter diesem Aspekt in Angriff nimmt, entsteht ein "Dressurpferd".

Das Ziel dieser Ausbildung ist ein Reitpferd, das ruhig, gewandt und gehorsam ist, angenehm in seinen Bewegungen und bequem für den Reiter. Es kann also nie das Ziel der Ausbildung sein, dem Pferd einzelne Lektionen (Galoppwechsel, Piaffe, Passage, etc) zu lernen, wie einem Pudel ein Zirkuskunststück. Diese Lektionen müssen die Folge der Ausbildung sein. Der Weg ist das Ziel ...

 

 

6 Etappenziele, Skala der Ausbildung

Die Skala der Ausbildung ist genau in der Reihenfolge 1 - 6 zu durchlaufen. Das Eine folgt auf das Andere. Ist ein Ausbildungsziel erreicht, dient die Skala der Ausbildung immer wieder zur Überprüfung.

  • 1. Takt
    Gleichmass der Tritte in den Grundgangarten bei reiner Fussfolge
     

  • 2. Losgelassenheit
    Zwanglosigkeit in Haltung und Bewegung
     

  • 3. Anlehnung
    Beständige, elastische Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul
     

  • 4. Schwung
    Energisches Abstossen der Hinterhand bei elastisch schwingendem Rücken
     

  • 5. Geraderichten
    Einstellen der Vorhand auf die Hinterhand
     

  • 6. Versammlung
    Hankenbiegung, unter den Schwerpunkt springen

 

 

Der Dressur-Araber

Arabische Pferde eigenen sich hervorragend für diesen Weg der Ausbildung. Sie sind im Allgemeinen sehr kooperativ, wenn man auf ihre Persönlichkeit Rücksicht nimmt. Sie können schlecht "gedrillt" werden, erweisen sich aber als lerneifrige Schüler.

Die Dressurausbildung sollte eigentlich Grundlage jeder Reiterei sein, denn wenn das Ziel ein gehorsames, bequemes Pferd ist, kann das sowohl dem Freizeitreiter, dem Spring- oder Militaryreiter und natürlich den Dressurreiter nur recht sein.

Die Probleme in der Ausbildung von arabischen Pferden liegen zuerst beim Reiter. Viele Reiter verfügen über zu wenig Grundkenntnisse der Reiterei. Vielleicht ist die Lektüre eines der im Literaturverzeichnis aufgeführten Bücher hilfreich. Es ist letztlich egal, welche Art von Reiterei/Beschäftigung ich mit meinem Pferd suche – es braucht immer auch das theoretische Wissen um das Wesen dieses Tieres. Als zweites braucht es für das Ausbilden eines Arabers neben Geduld auch einen gefestigten Sitz. Es ist hilfreich, verschiedene Pferde (auch Warmblüter) zu reiten, um zu lernen, das Pferd zu spüren. Die Westernreiter legen in der Trailausbildung auf diesen Punkt viel Gewicht. Der Reiter muss am Sitz spüren, welches Bein sein Pferd bewegt. Erst so kann er mit feinsten Hilfen sehr präzise Bewegungen erreichen.

Die modernen Araber sind oft mit guten Bewegungen ausgestattet, haben aber eine sehr flache Kruppe (so ist das Zuchtziel definiert). Das heisst, es ist schwierig eine Versammlung – mindestens wie sie die heutige Dressurreiterei versteht – zu erreichen. Alle andern Etappenziele können erreicht werden.

Araber lieben die Abwechslung. So sollte sich das Dressurtraining unter dem Sattel im Viereck auf maximal vier Einheiten pro Woche beschränken. Vieles kann auch auf einem Ausritt geübt werden (mein Pferd muss nicht die ganze Zeit am langen Zügel durch die Gegend latschen ...) oder die Arbeit an der Hand oder an der Longe bieten Abwechslung.

Kaum Probleme haben die Araber mit Takt und Losgelassenheit. Sie sind Pferde, die ihr Gleichgewicht besser finden als ihre grossen Warmblutkollegen. Dafür ist ihnen die Anlehnung nicht in die Wiege gelegt. Viele Araber drücken gegen die Hand. Man muss sie sorgfältig daran gewöhnen, ihren Rücken aufzuwölben (zu tragen) und die Hand des Reiters nicht als "vordere Zwangsmassnahme" zu verstehen. Manchmal können hier Hilfszügel unterstützend wirken. Aber Achtung: Hilfszügel (Martingal, Schlauf- und Stosszügel) erfordern wiederum Kenntnisse über ihre Wirkung und sollen nur punktuell, dh nicht länger als ca vier Wochen in der Ausbildung eingesetzt werden. Dann sollte das Pferd seine Lektion gelernt haben, bis vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt wieder eine Korrektur nötig wird. Araber ertragen "Zwang" ganz schlecht. Man muss Wege finden, sie zu motivieren, den Weg freiwillig zu gehen.

Wenn ich mit meinem Pferd auf dem Viereck arbeiten will, so überlege ich mir, bevor ich in den Sattel steige, was ich heute erreichen möchte. Vielleicht arbeite ich an der Haltparade, vielleicht am Angaloppieren, vielleicht an der Biegung. Entsprechend gestalte ich die Lektionen. Man kann nicht immer "alles" arbeiten. Wenn mein Pferd gut gearbeitet hat – das kann nach 20 Minuten oder 60 Minuten der Fall sein! – hat es seine Aufgabe erfüllt darf grasen oder noch etwas ins Gelände spazieren gehen. Diese Arbeit mit den Pferden macht bei aller Seriosität viel Spass!

 

 

Ausrüstung

Für die Dressurarbeit ist ein wirklich gut passender Sattel Voraussetzung. Der Dressursattel setzt den Reiter tief "ins Pferd" und ermöglicht mit seinen langen Sattelblättern eine optimale Beinhaltung (lange Steigbügel). Es gibt verschiedene Sattler, die hervorragende Sättel für Araber herstellen (Spirig Gossau, Röösli, La Belle). Ein Masssattel ist zwar ziemlich teuer (im Moment ca 3500.-), aber es handelt sich dabei um eine Investition für die nächsten zehn Jahre. Es lohnt sich, verschiedene Sättel auszuprobieren, bevor man sich für einen entscheidet.

Am Anfang ist als Zäumung eine Trense zu wählen. Araber mögen es nicht, wenn man ihnen das Maul zuschnürt. Darum ist ein englisches Nasenband oder ev irisches erste Wahl. Beim Irischen hat man die Möglichkeit, mit oder ohne Pullerriemen zu reiten. Es lohnt sich auf alle Fälle, einmal auszuprobieren, wie das Pferd reagiert, wenn es mehr Freiheit im Maul hat! Als Trense empfehle ich das doppelt gebrochene Ausbildungsgebiss. Es kann auch nach der Grundausbildung eingesetzt werden und ist sehr "Maul freundlich". El Shachad läuft seit Jahren ausschliesslich mit dieser Trense, auch in den Prüfungen. Je dünner die Trense ist, desto schärfer wirkt sie.

Will man mit fortschreitender Ausbildung eine Kandarenzäumung einsetzen, so ist hier zu beachten, dass die Kandare (Stange) nicht zu dick ist und möglichst wenig Zungenfreiheit aufweist. Als Unterlegtrense wählt man am besten wieder eine doppelt gebrochene, möglichst dünne Trense. Das Problem ist, dass eine Kandarenzäumung ziemlich viel Metall im feinen Arabermaul bedeutet! Ist das Pferd wirklich kandarenreif, bietet die Umstellung keine Probleme. Aber Achtung! Eine Kandare einzusetzen, weil man sein Pferd mit der Trense nicht an den Zügel reiten kann, führt nicht zum Erfolg! Vielmehr soll diese Zäumung dazu dienen die Kommunikation mit dem Pferd zu verfeinern. Ein ausgebildetes Pferd kann alle schweren Lektionen auch auf Trense zeigen!

Sporen sind auch sehr gute Hilfsmittel, wenn sie richtig eingesetzt werden. Schwanenhalssporen mit stumpfen Enden haben sich bewährt, weil auch Reiter mit längeren Beinen so an den Bauch ihrer Araber kommen, ohne den Absatz hochzuziehen. Manche Araber reagieren sehr stark auf Sporen. Hier muss jeder seinen Weg finden.

Die Gerte ist unerlässlich und soll ca 120 cm lang sein. Sie hat eine treibende Wirkung. Zur Strafe ist sie sehr dosiert einzusetzen.

Weitere Ausrüstungsgegenstände sind allenfalls Gamaschen/Bandagen, die im Training die Pferde(vorder)beine schützen. Sie dürfen aber an Prüfungen nicht getragen werden. Ich selber empfehle für die Dressurarbeit Gamaschen (ev Glocken) wirklich nur für junge Pferde, die sich gelegentlich von hinten in die Vorderbeine treten. Ist das Pferd soweit ausgebildet, dass es sich unter dem Reiter im Gleichgewicht bewegen kann, lege ich keine Gamaschen mehr an.

Im Übrigen finden unter Umständen die erwähnten Hilfszügel Anwendung – aber bitte mit Vorsicht! Für die Arbeit an der Hand kommen ausserdem Ausbindezügel, ein leichter Kappzaum und eine Longe/langer Zügel hinzu.

 

 

Dressurprüfungen

Wenn man von Dressur-Araber spricht, denken viele an Dressurprüfungen. Wie wir gesehen haben, ist die Dressurreiterei aber zuerst Selbstzweck und erst in zweiter Linie Turnierdisziplin! Wenn dies nicht so ist, dann werden wir die Pferde "abrichten" ihre Dressurprogramme abzuspulen. Dies bringt vielleicht kurzfristigen Erfolg, aber nie langfristige Befriedigung!

Jeden nach den klassischen Grundlagen ausgebildeten Araber kann man in einer GA (=Grundausbildung) Prüfung zeigen. Das GA03 (Adobe PDF Formular 159KB) eignet sich besonders gut als Einsteigerprogramm.

Wenn man sich entschliesst, sein Pferd in einer Prüfung vorzustellen, sollte man sich im Voraus erkundigen, was für ein Tenue, Sattelung, Zäumung nötig bzw erlaubt ist. Es gibt viele erfahrene Araber-Dressurreiterinnen, die man kontaktieren kann, um sich Tipps geben zu lassen. Natürlich kann meistens auch der Trainer weiterhelfen. Das Programm sollte man so gut kennen, dass es auch im Stress (sprich während der Prüfung) abrufbar ist.

Das wohl grösste Problem mit unsern Arabern besteht darin, dass sie wegen ihres Temperamentes sehr empfänglich für optische und akustische Reize sind: Richterhäuschen sind Ungeheuer, Blumentöpfe am Viereckrand sind Raubtiere und Werbeplakate sowieso suspekt. Das Geklapper in der Festwirtschaft empfinden sie als Zumutung, die Musik aus den Boxen als Belästigung ... Die Liste liesse sich fast endlos weiterführen. All diese Dinge, die meistens nur während einer Prüfung auftreten, kann man nicht "üben". Hier braucht es Geduld, damit das Pferd auch mit diesen neuen Situationen gute Erfahrungen sammeln kann. Strafe bewirkt hier kaum etwas Positives.

Eine gute Möglichkeit erste Turniererfahrungen zu sammeln, sind die Araber-Cup Prüfungen oder die Einsteigerprüfung am Araber Sporttag.

Schreitet die Ausbildung fort, können GA04 - GA06 in Angriff genommen werden. Die Bewertung erfolgt im 10er Notensystem. Erreicht man eine 5 im Durchschnitt, hat man zwar kaum gewonnen, aber eine ansprechende Leistung gezeigt.

Das Niveau GA05 (Adobe PDF Formular 158KB) muss erreicht sein, um mit seinem Pferd die Dressurlizenz zu absolvieren. Das haben doch schon einige mit ihren Arabern geschafft!

Die DP (=Dressurprüfung) Programme bilden die nächste Stufe. Offiziell darf man diese Prüfungen erst nach Bestehen der regionalen Lizenz reiten (Ausnahme: Araber Sporttag). Die Pferde können nun auf Kandare vorgestellt werden, es wird aber schon eine deutliche Versammlung verlangt. Hier stehen unsere treuen Gefährten meistens an (oder sind es doch die Richter?). Das DP11 (Adobe PDF Formular 172KB) und DP12 wird als Qualifikationsprogramm für die R-Schweizermeisterschaft verlangt.

Bis jetzt hat es erst ein Paar geschafft, dort teilzunehmen: Simone Hunziker mit Bafran El Sharbur. Doch die Teilnahme war nicht eitel Freude. Ein Richter meinte nach ihrer Vorstellung, ihre Reitkunst sei ja OK, aber sie solle doch das nächste Mal mit einem "richtigen" Pferd antreten! Wer Mühe hat, ein Richterurteil anzunehmen, das vielleicht nicht immer ganz gerecht ist (wir reiten ja "nur" Araber ...) sollte sich gut überlegen, ob er/sie Dressurturniere bestreiten will. Die Richterei ist immer subjektiv!

Kann man sich allerdings über die ganz persönliche Leistung seines Araber-Pferdes freuen, so sind Dressurturniere tolle gemeinsame Erlebnisse. Meistens stellt sich der Erfolg mit zunehmender Routine (mindestens auf der Stufe GA) von selbst ein.

 

 

Ein Tipp für Fotografen

Araber zu fotografieren macht Spass, weil sie einfach wunderschöne Geschöpfe sind. Will man Fotos auf dem Dressurviereck machen, so ist zuerst der Standort wichtig: Sonne im Rücken, passender Hintergrund.

Es ist ideal, wenn ich als Fotografin das Programm (den Weg) kenne, welches das Paar absolviert. So weiss ich, wann sie mir vor die Linse laufen werden. Fotos im (Mittel)Trab geben die besten Bilder. Schritt und Galopp haben eine Fussfolge, die die Pferde oft unharmonisch erscheinen lassen. Ausserdem sind Haltparaden bzw der Gruss eine gute Möglichkeit abzudrücken. Da ist das Motiv sicher bewegungslos. Dass schön eingeflochtene Mähnen einem Kopfportrait das gewisse Etwas verleihen, versteht sich von selbst.

 

 

Und zuletzt ...

Die Möglichkeiten der Araber sind mit einem GA/DP Programm nicht ausgeschöpft. Man kann mit ihnen bei entsprechender Eignung (es wird auch nicht jeder Mensch Professor ...) schwere Lektionen (Traversalen, fliegende Galoppwechsel in Serie, Piaffe, Passage, Pirouette etc) erarbeiten und diese bei Gelegenheit an einem Schauprogramm zeigen.

Auch die spanische Reiterei kann eine weitere Herausforderung sein. Sie basiert auf den gleichen klassischen Grundlagen, ist aber zudem von der Gebrauchsreiterei (Arbeit mit den Stieren) beeinflusst. Die Dressurausbildung eines Pferdes hört erst auf, wenn es nicht mehr reitbar ist, denn bis zuletzt dient sie dazu, Muskulatur (Rücken) zu erhalten und so dem Pferd seine Arbeit leichter zu machen.

Und jetzt viel Spass mit Euren Dressur-Arabern!

 

 

Literatur

Kurt Albrecht: Dressurlehre (Müller Rüschlikon)
Richard Hinrichs: Pferde schulen an der Hand (Kosmos)
Richard Hinrichs: Pferde-Tänzer an leichter Hand Edition (Keno, vergriffen)
Philippe Karl: Hohe Schule mit der Doppellonge (BLV)
Alfred Knopfhart: Dressur von A - S (Müller Rüschlikon)
Podhajsky: Die klassische Reitkunst (rororo)
Gustav Steinbrecht: Das Gymnasium des Pferdes (Cadmos)

 

 

Interview mit Steffi Bürgin der wohl bekanntesten Schweizer Allround-Araber-Reiterin

Liebe Steffi, erstmals vielen Dank für Deinen Bericht über den Dressuraraber und die mega vielen schönen Föteli von Shachi und Dir!

Steffi: Gern geschehen! – ich hätte noch etwa 500 mehr ...

araber-online.ch: Mich fasziniert Deine Vielfältigkeit: Dressurreiten; Barock, Klassisch und Freiheitsdressur, Fahren, Westernreiten, Show ... Gibt es etwas, was Du nicht mit Deinem El Shachad erreicht hast?

Steffi: Es gibt eigentlich nichts, was ich mit ihm machen wollte und dann nicht funktioniert hat. Vielleicht haben wir Teilziele nicht erreicht, aber ich sage nicht ohne Stolz, dass El Shachad - ausser Polo - wohl in allen Pferdesportarten erfolgreich eingesetzt war/ist.

Seine ersten Turniererfahrungen hat er mit 4 Jahren auf dem Dressurviereck beim "Bocken von Buchstaben zu Buchstaben" gemacht. Anschliessend ist er unter einer Freundin Military- und Springprüfungen gegangen. Vor allem das Gelände hat ihm immer viel Freude gemacht. In diese Zeit fällt auch sein einziger Start in einem Araber-Rennen in Meissenheim (BRD). Er wurde guter Dritter, nachdem er am selben Tag sowohl eine Dressur als auch eine Fahrprüfung absolviert hat.

Später ist das Distanzreiten dazu gekommen. An der HLP 1 (Hengstleistungsprüfung) mussten wir einen 40km Ritt absolvieren und da hat uns der Virus "Distanzreiten" gepackt. Man kann einem Pferd aber nicht Militaryprüfungen und Distanzritte gleichzeitig zumuten, darum haben wir das Distanzreiten auf die Zeit nach der Militarykarriere verschoben. Unser Ziel war die Qualifikation zu schaffen und das haben wir geschafft. Rennen wollte ich nie bestreiten, denn Shachi ist von seiner Dressurarbeit her für einen Renner falsch bemuskelt (Werner Günthör läuft ja auch keinen Marathon ... ).

Das Fahren habe ich mit meinem Freibergerpflegepferd gelernt und gedacht, es könnte für meinen Araber eine willkommene Abwechslung sein. Shachi hat sehr gerne gezogen. Auch hier haben wir einige Prüfungen erfolgreich absolviert. Nur stillstehen war nie sein Ding! Die Pause vor der Beiz musste ich mir abschminken.

Mit dem Fahren habe ich aufgehört, weil die Bauern in meinem Fahrgebiet äusserst rücksichtslos sind. Es kam uns einmal ein hupender Güllewagen auf einem Fahrweg entgegen als ob man sich mit einem Pferdewagen in Luft auflösen könnte! Bevor ein Unfall geschah hab ich dann den Wagen verkauft und mit dem Erlös einen guten Westernsattel gekauft. Dann haben wir Angefangen Western zu Üben.

Das Distanzreiten habe ich nach einem Gleichbeinbruch von Shachi aufgegeben. Die Belastung auf der Strecke war mir einfach zu gross – und wir wollten ja nicht einfach nur "Mitreiten".

Heute, inzwischen 17 jährig, geht mein Brauner immer noch recht erfolgreich Dressur- und Westernprüfungen. Die Showreiterei bzw die Freiheitsdressur sind Nebenprodukte die entstehen, wenn man mit seinem Pferd und für sein Pferd lebt.

araber-online.ch: Und welche Disziplin machst Du am liebsten?

Steffi: Im Dressursattel fühle ich mich immer noch am wohlsten. Mit Springen hatte ich nie was am Hut – da ist die Tempokontrolle so schwierig ... Das Westernreiten macht auch viel Spass. Allerdings sind die engen Verhältnisse auf den Abreitplätzen bzw das "in der Reihe stehen" beim Horsemanship für meinen Hengst immer noch ein Problem (Teilziel nicht erreicht ... ). Ich kann mir gut vorstellen, dass ich Shachi, wenn er alt ist und nicht mehr tragen kann, wieder vor einem Sulky fahren werde.

araber-online.ch: St. Georg, Intermédiare ... Auch schon geritten und kannst Du noch kurz beschreiben, was das ist?

Steffi: Den schweren Dressurprüfungen hat man Namen statt Nummern gegeben. St. Georg ist die "einfachste", dann kommt Intermédiare 1 + 2, anschliessend Grand Prix und Grand Prix Spécial.

Nein, geritten habe ich diese Programme noch nie. El Shachad beherrscht einzelne Lektionen daraus, aber er kann zB keine Galopppirouetten (Teilziel nicht erreicht) während er aber hervorragende Galoppwechsel zeigt und auch eine schöne Passage kann – wenn er will ...

Leistungen von El Shachad (Adobe PDF Formular 20KB)

araber-online.ch: Wenn ich mit meinem Araber Dressurprüfungen starten will, wie komm ich zu den Ausschreibungen?

Steffi: Durch die Mitgliedschaft in einem Reitverein und damit verbunden in einem Regionalverband (PNW/ZKV/OKV) bekommt man die entsprechenden Bulletins zugeschickt, da sind oft Ausschreibungen drin. Dann gibt es das Concoursbulletin, welches alle lizenzierten ReiterInnen bekommen, da hat es viele Ausschreibungen. Aber auch das Araber-Info (Verbandsorgan der SZAP) ist eine gute Quelle für Ausschreibungen oder mindestens Hinweise. Als Letztes kann man sich auch mit seinem Trainer besprechen oder Leute fragen, die sich da schon etwas auskennen.

araber-online.ch: Wie bist Du zum Barockreiten gekommen und nimmst Du Reitstunden? Ist Spanisch und Barock das Gleiche und was fasziniert Dich daran?

Steffi: Die Barocklehrmeister waren die Wegbereiter der modernen Dressur. Eigentlich kommt kein Dressurfan daran vorbei. Die spanische Reiterei ist eine Symbiose aus Arbeitsreiterei mit den Stieren und der klassischen Dressur. Man findet also in einer spanischen Darbietung sowohl klassische Dressurelemente, als auch Manöver, die man aus dem Westernreiten kennt (Rollback, Stopp etc)

Reitstunden? Ich habe mit 14 Jahren von einem Wiener Bereiter, Herrn Potempa, meine ersten Dressurlektionen bekommen (ganz klassisch und sehr streng!) ca 1 Jahr lang. Er hat später nochmals mit mir gearbeitet, als El Shachad 4 Jahre alt war (ca 20*30 Min). Es gibt ausser Herrn Potempa niemanden, der mich so stark beeinflusst hat.

Ich nahm auch an Vereinsreitstunden teil und habe einige Male die Araberkurse im NPZ besucht. Aber eigentlich bin ich eine Autodidaktin – try an error bis zum Erfolg!

Faszination? Verschiedene Sättel – verschiedene Einwirkung; verschiedene Kostüme, verschiedene Arbeit mit immer dem gleichen Pferd. Da kommt keine Langeweile auf und bei einem Auftritt kann man sich und andern eine Freude machen.

araber-online.ch: Und wie oft trainierst Du? Resp wie bringst Du all die vielen Disziplinen unter einen Hut?

Steffi: Training: El Shachad war bis im Frühling 2002 in einem Pensionsstall in einer Boxe (mit Weidegang im Sommer) eingestellt. Das hat mich gezwungen, wirklich täglich mit ihm zu arbeiten – eben immer etwas anderes. Ich überlege mir jedes Mal, wenn ich in den Sattel steige, was heute unser Ziel sein soll. Aber das war eigentlich nie ein Krampf, es war auch viel Spiel. Shachi hat es gut verstanden mir zu sagen, wenn es ihm stinkt ...

Shachi liebt sein neues Leben bei mir am Haus und seinen Ponyfreund über alles. Er wird heute nur noch etwa 3-4 Mal die Woche geritten und verbringt seine Zeit mit Achim zusammen in einen grossen (200m2) Offenstall.

araber-online.ch: Wie hast Du Deinen Shachi gefunden?

Steffi: BAFRAN EL SHACHAD - SEINE GESCHICHTE

1985 Am 10. März ist er in Wimmis (Berner Oberland) geboren worden. Sein Vater ist Bafran El Sharai, ein ausgezeichnetes Reit- und Schaupferd, seine Mutter die braune Libura. Züchterin: Ursula Stucki, Spiez.

1986 Im Juni wird er von mir erworben und erhält einen neuen Namen. Aus "Bafran Ibn Libura" wird "Bafran El Shachad CH" (hebräisch "Gott hat geschenkt").

Bis 1988 bleibt er bei seiner Züchterin in Wimmis auf der Hengstweide und wächst in der Herde auf. Sommer und Winter, bei Regen und Schnee ist er auf der Weide (Offenstall). Schrammen und Blessuren zeugen von einer aktiven Teilnahme am Rangstreit. Regelmässige Besuche (alle zwei Wochen) zum Putzen, Spazieren und Verwöhnen schaffen eine erste Beziehung.

1988 März: "Umzug" nach Allschwil (BL). Wir beginnen mit Bodenarbeit und reiten ihn langsam und schonend an. November: Er besteht die Eignungsprüfung für CH-Reitpferde in Lausen.

1989 Beginn mit der Dressurausbildung, erste Starts in GA01 Prüfungen.

1990 Im Sommer beginnt Sandra Burkart mit der Spring- und Geländeausbildung von El Shachad. September: Anerkennung als Zuchthengst für die Araberzucht (Frauenfeld). November: Er besteht die Ausbildungsprüfung für CH-Reitpferde in Lausen.

1991 Januar/Februar: El Shachad wird eingefahren und geniesst die Abwechslung vor dem Wagen. Vermehrt starten wir in R1-Springen und Military (Reiterin Sandra Burkart), sowie an Dressur-, Distanz- und Fahrprüfungen mit mir. September: Er besteht die Hengstleistungsprüfung 1 für Araber als Bester. Oktober: Auch die Hengstleistungsprüfung 2 für Warmbluthengste in Avenches hat er, als erster und bisher einziger Vollblutaraber, bestanden (mit den besten Fremdreiternoten des ganzen Warmblutlots!).

1992 Im Juni gewinnt er seine erste Military Kat. B auf dem Gelände der EMPFA. Den ZKV-Military-Cup '92 beendet er im 7. Rang bei 85 Paaren in der Wertung. Er gewinnt seine erste Dressurprüfung.

1993 Im Februar bekommt er, auf Grund seiner Leistungen ohne Vorstellung an einer Körung, eine Spezialbewilligung zum Decken von Trakehnerstuten (deutsche Papiere). In Meissenheim (BRD) gewinnt er das Fahrchampionat. Ausserdem absolviert er ein DRF 80 km in der Wertung. Zum ersten Mal kann er sich für den ZKV- und den PNW-Dressurfinal qualifizieren.

1995 Dieses Jahr reicht es am Regionalfinal PNW in der Dressur aufs Treppchen: Bronze in der Kategorie "ohne Lizenz".

1996 Unser Auftritt mit der Arabertruppe an der BEA Bern (Pferd 96) bereitet uns viel Freude – it's Showtime! Das Jahresziel ist, die 3. Qualifikation für Distanzrennen zu schaffen: 92 km in einem Tempo über 12 km/h sind zu absolvieren. El Shachad schafft es! Ausserdem bestehen wir die Dressurlizenz. Eine weitere Hürde ist genommen. Erste Annäherungsversuche an die Westernreitweise werden unternommen.

1997 Unser schwierigstes Jahr! Bafran El Shachad bricht sich im Frühling auf der Weide ein Gleichbein hinten links. Eine Operation ist unumgänglich. Doch der tapfere Kämpfer lässt sich nicht unterkriegen, hält sich brav still solange es sein muss und arbeitet in der Rehabilitation ausgezeichnet mit. Wir freuen uns über seine völlige Genesung. Ende Jahr absolviert er noch seinen 500. Distanzkilometer in der Wertung.

1998 In diesem Jahr können wir an der BEA Bern (Pferd 98) zeigen, dass Bafran El Shachad auch einige Zirkuslektionen gelernt hat. Den letzte Distanzritt, ein EVG über 36 km, beendet El Shachad auf dem 3. Rang. Um seinen Fuss zu schonen, wird er keine Distanzprüfungen mehr laufen. Dafür soll die Westernreiterei mehr Gewicht bekommen.

2000 Endlich ist der Sprung in den Westernturniersport geschafft! Dank seiner grossen Turniererfahrung ist es problemlos, den Anschluss zu finden und im Western Riding gar die Qualifikation für die Schweizermeisterschaft zu schaffen. Die Bronzemedaille im Open Western Riding ist zweifellos ein Höhepunkt in der vielseitigen Karriere von Bafran El Shachad. Neben seinen Westerneinsätzen ist er aber auch in diesem Jahr erfolgreich englische Dressurprüfungen gegangen, hat zwei Siege erkämpft und dazu den Titel "Best of the Year" Dressur 2000 der SZAP errungen. Eine Einladung als Schaunummer (Freiheitsdressur) während einer bedeutenden Springkonkurrenz runden unser vielseitiges Jahr ab.

2002 Immer noch ist El Shachad im Dressur- und Westernsport aktiv. Im August wird er zum ersten Mal an der Beständeschau gezeigt. Er erhält mit einer Note von 7.6 eine Goldmedaille und wird höchst bewertetes, in der Schweiz gezogenes Pferd.

Bafran El Shachad war nie bei einem Profi im Beritt, einzig seine Fahrausbildung hat ein Profi besorgt. Sein ausgezeichneter Charakter und seine aussergewöhnliche Lern- und Leistungsbereitschaft machen die Arbeit mit ihm zur täglichen Freude. "Müssen" muss er gar nichts mehr. Wenn ihm eines Tages die Turnierambiente zuviel sein sollte, geniessen wir die Natur oder spielen Zirkus zusammen.

araber-online.ch: Er ist mittlerweile auch schon 17 (zwar kein Alter für einen Vollblüter!). Wie sieht eure Zukunft aus? Hast Du schon einen "Nachfolger" in Planung?

Steffi: Nein, einen Nachfolger wird es erst geben, wenn Shachi tot ist. Ich habe so viel mit ihm erlebt und er geht (immer noch) sehr gerne auf Turniere – da steht er im Mittelpunkt – dass ich ihm nicht zumuten kann, meine Zeit und Kraft (ich arbeite ja noch 100%) einem Jungen zu widmen und am Wochenende seinen Nachfolger in den Hänger zu führen. Ich werde mit ihm noch so lange starten wie er Freude daran hat. Die Platzierungen spielen mir dabei keine Rolle.

araber-online.ch: Shachi ist ein toller Hengst, gibt es von ihm Nachzucht?

Steffi: Ja. Er hat einige wenige Kinder – eigentlich zu wenige ...

araber-online.ch: Etwas zum weitersurfen: Links?

Steffi: Keine – vielleicht bekommt El Shachad mal eine eigene Homepage, aber jetzt steht ja eigentlich schon alles auf araber-online.ch!

Haben Sie noch Fragen? Gerne stehe ich zur Verfügung!

araber-online.ch: Liebe Steffi nochmals vielen herzlichen Dank für Deine Arbeit! Jetzt muss ich das Portrait Dressuraraber wohl in Allroundaraber umbenennen ...
Ich wünsche Dir und Shachi noch ganz, ganz tolle Stunden im Sattel egal ob Dressur, Western oder Sulky!