der Araber im Sport:

 

 

Leinen wie Seidenpapier

Fahren als Turniersport

Der Araber im Fahrsport

Eigenschaften eines Turnierpferdes

Faszination Fahren

Dank an Manuela Schneider und Faramal Shaylan

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leinen wie Seidenpapier

Araber am Wagen, ein Bild mit Seltenheitswert.
Das war früher anders, denn bis zum zweiten Weltkrieg gehörten Arabergespanne aus dem ungarischen Gestüt Bàbolna zu den viel bewunderten Bildern in Aachen. Damals drehten die grazilen Pferde in der Hand des Fahrkünstlers Tibor Pettko-Szandtner im Mehrspänner in der Soers ihre Runden.

Dass Araber ein sicheres Gespann abgeben, zeigen heute in der Schweiz eine gute Handvoll Vollblüter im Turniersport.

 

Araber, die Trinker der Lüfte, eingeengt zwischen Lederriemen, Landen oder Deichsel. Nur ein langer, vertrauensvoller Weg führt dorthin. Es ist jedoch keine Erfindung neuerer Zeit, diese edlen Pferde anzuspannen! Eine grosse, alte Tradition steht dahinter.

Längst sind jedoch die Zeiten vorbei, als herrliche Schimmelgespanne aus den ungarischen Gestüten auf den grossen Turnierplätzen vorfuhren und erste Preise ins Donauland mitnahmen. Die Ungaren wussten mit diesen intelligenten, feinfühligen Pferden umzugehen! Als wir (Gestüt Faramal, Unterlangenegg) mit Vollblutarabern zu fahren begannen, vertrauten wir deshalb die Ausbildung unserer Pferde unserem Freund Fehér Istvàn an. Er war diplomierter Agronom und an der Pferdeakademie von Kaposvàr, Ungarn, ausgebildeter Reit- und Fahrlehrer. Seine Begabung, mit arabischen Pferden umzugehen machte ihn berühmt. 1982 hatte er im deutschen Nördlingen die vierte Austragung des Donau-Alpen-Pokals (inoffizielle Europameisterschaft) in souveräner Weise gewonnen. Ein Jahr später war er mit seinen beiden Araberstuten am ersten internationalen Championat von Montemaggiore in Italien. Erster in der Dressur und im Hindernisfahren. Doch im Marathon schied er im letzten Hindernis aus. Er hatte darauf verzichtet, die Pferde durch ein phantasieloses Hindernis, welches nur noch einen rüden Kraftakt erforderte, mit lautem Geschrei und Peitschenschwingen ins Ziel zu hetzen. Der feinfühlige Horseman wollte seine Pferde nicht wegen einer Prüfung verderben und gab auf.

Die ungarische Tradition, mit feinfühligen, hoch im Blut stehenden Pferden umzugehen und sie auszubilden, haben wir von ihm gelernt und versuchen sie fortzuführen und zu erhalten. Für Istvàn stand immer das Wohlbefinden des Pferdes an erster Stelle. So hat er uns gleich am Anfang unserer Fahrausbildung eingepaukt, dass wir die Leinen stets so halten müssen, als wären sie aus Seidenpapier, das schnell zerreissen kann.

Das Pferdemaul ist sehr empfindlich, so dass diesem mit richtiger Zäumung und vor allem mit einer weichen Hand Rechnung getragen werden muss. Nur so kann ein Pferd vertrauensvoll eine Anlehnung suchen und im Vertrauen liegt die ganze Kraft. Wer mit Arabern fahren will, sollte bereits über eine solide Fahrausbildung verfügen.

Das Einfahren junger Pferde nehmen wir immer mit Hilfe eines vierbeinigen Lehrmeisters vor. Die Erfahrung zeigt, dass junge Pferde sich dem ruhigen Kollegen anpassen und nur wenn sie keine Angst haben und sie sich wohlfühlen, können sie etwas lernen. Sie lernen auch schon vom zuschauen. In der Gruppenhaltung, wenn man die routinierten Pferde täglich im Auslauf sattelt, anschirrt usw., sehen die Jungen bald einmal, dass ein Geschirr am Körper nichts Gefährliches ist. Spielerisch kann man sie im nächsten Schritt neben dem Lehrmeister einspannen und mit ihnen "spazieren fahren".

Leistung abverlangen wie in einem Marathon sollte man frühestens mit sechs bis sieben Jahren. Das Pferd soll immer Freude an der Arbeit haben und deshalb soll die Ausbildung in sehr kleinen, sorgfältigen Schritten erfolgen. Denn wenn es für den Kopf des Pferdes in jungem Alter EINMAL zu viel ist, sagt der intelligente Araber das nächste mal NEIN! Dann ist viel Mühe und Arbeit verloren und man muss unter null wieder beginnen.

Die Kunst, mit Arabern zu arbeiten, ist es ihr Vertrauen zu gewinnen und einschätzen zu können, wozu das Pferd schon bereit ist. Man muss ihnen genügend Zeit lassen, sich an eine neue Situation zu gewöhnen, bis es "im Schlaf" funktioniert und sich das Pferd wohl fühlt. Nur so gibt man dem Pferd   die Chance etwas von sich aus auch gerne zu tun. Mit Gewalt ist nichts zu erreichen. Wenn dies gelingt, hat man einen Freund, der für einen durchs Feuer geht! Ein topmotiviertes Pferd, das mit sehr viel Ausstrahlung an Turnieren hilft und alles gibt, ergibt ein unschlagbares Team.

 

 

Fahren als Turniersport

Eine offizielle Fahrprüfung besteht aus drei Teilprüfungen, vergleichbar mit einem Concours Complet.

Am ersten Tag, meist dem Freitag, wird ein Dressurprogramm gefahren in einem Viereck von 40m mal 100m. Dieses Programm wird von drei oder fünf Richtern bewertet, das heisst: elf Lektionen plus fünf Noten für den Gesamteindruck, Gänge und Schwung, mit der maximalen Note von 10. Dies ergibt eine maximale Punktezahl von 160 Punkten.

Fahrer und Beifahrer sind stilecht gekleidet, die Pferde herausgeputzt, Geschirre und Wagen auf Hochglanz poliert. In der Dressur gefahrene Gespanne sind lebende Kulturdenkmäler!

 

 

Am zweiten Tag steht die Geländestrecke, der "Marathon" auf dem Programm. Hier werden moderne, sehr stabile Kutschen eingesetzt, welche nach neuesten technischen Erkenntnissen gebaut sind.

Auf einer Strecke von bis zu 27km Länge, welche in fünf Teilstrecken von unterschiedlicher Länge und Gangart aufgeteilt ist, wird die Ausdauer der Pferde, Genauigkeit und Reaktion des Fahrers sowie Aufmerksamkeit und Streckenkenntnisse der Beifahrer getestet. Jede der Teilstrecken muss möglichst genau in der vorgegebenen Fahrzeit bewältigt werden.

Der letzte Streckenteil "Phase E" beinhaltet zusätzlich 5-8 Geländehindernisse, welche in möglichst kurzer Zeit und in der richtigen Torreihenfolge zu durchfahren sind. Wer von der vorgesehenen Streckenzeit abweicht, erhält Strafpunkte und in den Hindernissen wird die Durchfahrtszeit ebenfalls mit einem Punkt pro fünf Sekunden bewertet.

Eine ganze Reihe von Vorschriften und Tierarztkontrollen sorgen für korrekten Sport, einen pferdefreundlichen Wettkampf und natürlich für Strafpunkte, die auf das Konto der Gespanne gehen.

 

 

Am dritten Tag findet das abschliessende Hindernisfahren statt, auch Kegelfahren oder "Töggele" genannt. Hier kann sich punkto Rangliste nochmals sehr viel ändern und das macht die Sache sehr spannend! Nach dem strengen Marathon vom Vortag verlangt es sehr viel von Fahrer und Pferd.

Wiederum in stilechter Aufmachung wie in der Dressur, gilt es einen mit 18-20 Kegelpaaren ausgesteckten Parcours auf einem Viereck in der richtigen Reihenfolge zu durchfahren. Je nach Prüfungs- und Gespannsart werden 20 bis max. 40cm zur Spurbreite des Wagens dazugegeben und so die Torbreite bestimmt. Fällt der Ball von einem Kegel, werden 5 Strafpunkte vergeben. Das Überschreiten der festgesetzten Zeit wird mit 0,5 Strafpunkten pro Sekunde bestraft.

Mentale Stärke, Konzentration vom Fahrer sowie Kondition und Gehorsam der Pferde entscheiden über das Abschneiden des Gespannes.

 

 

Es gibt auch verkürzte Turniere. In Teilprüfungen muss nur die Dressur und der direkt anschliessende Hindernisparcours absolviert werden. An Freundschaftsturnieren kann auch oft nur ein Hindernisparcours absolviert werden.

Beim Derby ist ein Kegelparcours mit 2-5 festen Geländehindernissen wie im Marathon aufgebaut und die Strecke des Parcours variiert von 800 Meter bis 3-4 Kilometer.

Vielerorts werden auch Distanzfahrten ausgeschrieben. Diese sind mit einem Patroullienritt zu vergleichen, mit Geschicklichkeitsposten und mit Mittagsaufenthalt. Manchmal sind Distanzfahrten mit einer Stilprüfung kombiniert, wo das schönste Gespann einen Sonderpreis erhält. Aber hier ist die Geselligkeit das Wichtigste.

 

 

Der Araber im Fahrsport

Auch im Fahrsport profitiert man von den speziellen Eigenschaften des Arabers.

In der Dressur sind bei den leichtfüssigen, edlen Pferden die Ausstrahlung und Eleganz bestechend. Im Marathon hat man gegenüber anderen Rassen Vorteile wie die ausserordentliche Ausdauer, Leistungsbereitschaft und Wendigkeit. Ein kleiner Nachteil kann hier die Zugkraft sein, wenn es wirklich sehr steil und der Boden tief ist. Das Hindernisfahren ist aus meiner Sicht hauptsächlich die Aufgabe des Fahrers. Bei technisch sehr schwierigen Parcours hat man jedoch grosse Vorteile, weil der Araber kleiner, wendiger und reaktionsschneller ist.

Aus diesen Gründen ist heute in den meisten Gespannen der Weltelite sehr viel Blut vorhanden. Um solche grossen Leistungen zu erbringen braucht es elegante, wendige, intelligente Kämpfer mit einer "unendlichen" Kraft und Ausdauer. Dieser Meinung ist auch der deutsche Vierspännerweltmeister Michael Freund. "Je mehr Blut in einem Gespann vorhanden ist, desto schwieriger ist jedoch die Ausbildung. Es braucht unendlich viel Gefühl, Verständnis und Geduld. Je höher der Blutanteil, desto anspruchsvoller ist die Aufgabe des Fahrers. Einen Ferrari muss man eben trotzdem fein zu fahren wissen..."

 

 

Eigenschaften eines Turnierpferdes

Ein Fahrpferd muss von vielen Pferdesportdisziplinen
etwas in sich vereinen!

Dressur ist naheliegend! Ein Fahrpferd braucht zwingend eine solide Grundausbildung in der Dressur. Diese kann am Wagen vorgenommen werden, wird aber durch eine gute reiterliche Ausbildung sehr stark unterstützt und perfektioniert.

Vom Springpferd braucht es die Kraft in der Hinterhand. Wie nützlich ist doch eine sehr schnelle Beschleunigung in einem Marathonhindernis!

Vom Westernpferd die "Coolness", Selbstsicherheit und Trittsicherheit, aber vor allem die schnelle Reaktion und Wendigkeit. Und im weiteren der eigene Wille des Pferdes eine Aufgabe die es kennt zu lösen, so wie es Cuttinghorses tun müssen.

Mein Aufenthalt in Wyoming hat mir in dieser Hinsicht neue Anreize gegeben. Es hat mich schwer beeindruckt, wie schnell diese Pferde im Barrel Race wenden und wieder beschleunigen können! Ich hatte das Glück, während fast fünf Wochen sehr gut ausgebildete Pferde in der täglichen Arbeit eines Cowboys reiten zu dürfen. Das war einfach fantastisch! Auf eindrückliche Weise wurde mir bewusst, dass der einzige Weg, mit einem Pferd zu arbeiten der ist, ihn als Partner zu sehen und zu versuchen ihn zu verstehen. Sonst ist man immer zu langsam. Cutting ist wahrscheinlich eine der reinsten Formen dieser Partnerschaft. Denn die Kuh kann immer dann ausreissen, wenn das Pferd erst reagiert, wenn es vom Reiter die Hilfen bekommt. Der Reiter ist immer zu langsam, wenn das Pferd nicht helfen würde. Auf das Fahren übertragen heisst dies, dass das Pferd selber aufpasst, dass es nicht in einen Hindernispfosten hineinrennt oder im Hindernisfahren über einen Kegel stolpert. Unser Pony kann einen Kegelparcours fast selber absolvieren. Er weiss genau, wie breit die Kutsche ist. Wenn man ihm zeigt, welches Tor das nächste ist, macht er den Rest alleine.

Vom Distanzreiten können vor allem Turnierfahrer lernen wie man ein Konditionstraining plant und die Saison aufbaut. Die Pferde müssen nicht im Frühling schon auf dem Höhepunkt sein, sondern erst Mitte bis Ende Sommer, wenn die Meisterschaften anstehen. Denn wenn die Pferde zu früh in der Saison viel Leisten müssen, ist der Saft weg...

Vom Voltigierpferd die Ausgeglichenheit, Balance und Ruhe. Ein Fahrpferd darf nichts scheuen.

Vom Militarypferd den Durchhaltewillen, die Freude über Stock und Stein und durchs Wasser zu galoppieren.

Vom Rennpferd die Schnelligkeit und der Ehrgeiz zu siegen und vom Schaupferd die Kunst sich zu Präsentieren. ;-)

Für einen richtigen Horseman spielt es keine Rolle, welche Sportart man ausführt, die Grundausbildung ist überall dieselbe. Losgelassenheit, Balance und Rückentätigkeit braucht jedes Pferd.

 

 

Faszination Fahren

Am Fahrsport finde ich es sehr faszinierend, dass eine Prüfung drei Tage dauert und sehr unterschiedliche Qualitäten geprüft werden. Zwischen Mensch und Tier muss es harmonieren, damit eine Höchstleistung möglich ist. Ich glaube die Vielseitigkeit der Anforderungen an ein Gespann ist auch der Grund, warum es nicht eine einzige geeignete Rasse gibt. In keiner anderen Pferdesportart ist bis zum weltmeisterschaftlichen Niveau eine solche Rassenvielfalt vorhanden.

Noch einige Links:
http://www.chesterweber.com (hier hat es ein kleines Video, wo der Fahrsport erklärt wird. Auf englisch), http://www.lazarteam.hu (Das ist die Seite von zwei Musterbrüdern aus Ungarn. Sie dominieren den Zweispännersport der Welt seit ein paar Jahren. Der jüngere Bruder ist einmal Einzelweltmeister, der ältere Vilmos ist 2x Einzel-Weltmeister und in diesem Jahr haben sie zusammen mit Nyul Zoltan im Team wieder die Mannschaftsweltmeistermedallie geholt. Für Ferien in einem Paradies kann ich ihre Sport-, Zucht-, und Erholungsanlage nur empfehlen), http://www.gertschrijvers.be (die Pferde von Gert Schreijvers (Belgien) sind eine Kreuzung aus Arabern und Friesen. Er hat jetzt ein eigenes Stutbuch und ist auch einer der Weltbesten Vierspännerfahrer. Die Flämische Sprache braucht halt etwas Phantasie...), http://www.peerdhof.com (Homepage von Mia Allo (Belgien) Dieser Pony Vierspänner ist ein wahres Kunstwerk! Ein Blick wert!)

www.gespannfahren.ch Fahrsportgruppe Bern und Umgebung
www.teammayer.ch für News im CH-Fahrsport
und noch viele mehr ...

Mehr Infos, Fragen? gebe gerne Auskunft:

Manuela Schneider, Unterlangenegg, 20. September 2003

 

 


Vielen Dank Manuela Schneider mit ihrem Faramal Shaylan (Bafran Ibn El Shaklan x Kabyle),
AV Gestüt Faramal, für den tollen Text und die schönen Bilder und weiterhin viel Erfolg mit euren Arabern!