Das Beduinenpferd

Irgendwo in den unfreundlichen Wüsten des Mittleren Ostens, irgendwann vor Jahrhunderten, entstand eine Pferderasse welche die ganze Welt beeinflussen sollte.

In den grünen Oasen entlang den Flüssen Euphrat und Tigris, in den Ländern, welche heute bekannt sind als Syrien, Irak und Iran und in weiteren Teilen der Arabischen Halbinsel, entwickelte sich ein Pferd welches bekannt wurde als das Arabische Pferd. Lange bevor die Europäer vom Bestehen dieses Wüstenpferdes gewusst haben, wurde es zur Lebensnotwendigkeit für die Beduinen.

Die Anführer der beduinischen Stämme kannten alle Pedigrees der Pferdefamilien und deren Kreuzungen mit anderen Beduinenherden.

Die Mythologie und Faszination wuchs mit den Geschichten über Mut, Ausdauer und Kraft. Das Pferd wurde verehrt, geschätzt und angebetet. Es war ein Geschenk Allahs. So war auch der Nasenknick "Jibbah" von Allah. Je ausgeprägter dieser, desto mehr wurde das Pferd verehrt. Ein grosser gewölbter Nacken mit einem hohen Scheitel, "Mitbah" genannt, war ein Zeichen des Mutes. Und ein lebhaft und hoch getragener Schweif zeigte Stolz. Solche Merkmale wurden in hoher Achtung gehalten und selektiv weitergezüchtet.

Wegen der religiösen Wichtigkeit und dem Beitrag zum Reichtum und Sicherheit des Stammes, welche diese Pferde brachten, züchteten die Beduinen in aller Abgeschiedenheit. Um die Zucht "Asil", also in reiner Form zu behalten, wurden die Zuchttraditionen streng eingehalten, genau so wie es von Allah bestimmt. Jede mögliche Einmischung von fremden Blut der Pferde aus den Bergen oder von den Städten war strengstens verboten. Andere Wüstezuchten entwickelten sich so in Nordafrika und an den Wüstenrändern.

In der Geschichte diente das Pferd hauptsächlich zum Zwecke der Kriegsführung. So auch das Arabische Pferd. Ein gut berittener Beduine konnte mit Leichtigkeit einen feindlichen Stamm Angreifen und ihre Schafe, Kamele und Ziegen stehlen. Ein überfall war natürlich nur erfolgreich wenn es ein Überraschungsangriff war und sich die Angreifer schnell wieder zurückziehen konnten. Stuten waren dafür die besten Pferde. Sie wieherten beim Angriff den fremden Pferden nicht zu und warnten den feindlichen Stamm nicht. Die Kriegstuten mussten mutig, schnell und ausdauernd sein. Die Ausdauer war darum wichtig, weil die Überfälle oft weit weg vom Hauptlager, weg von Familie und Kindern durchgeführt wurden.

So sehr Beduinen kriegerisch waren, so sehr waren sie gastfreundlich. Wenn ein Reisender einen Zeltpfosten ihres Lagers berührte, wollte es der Glauben, dass dieser Gast für bis zu drei Tage ohne jegliche Gegenleistung bewirtet wurde. War dieser Gast willkommen, wurde der Zaum seiner Stute am Mittelpfosten des Gastgeberzeltes aufgehängt. Auf diese unkomplizierte Art trafen sich die kriegerischen Stämme, brachen Brot und erzählten sich Geschichten über ihre tapfersten und schnellsten Pferde.

Wurden Rennen ausgetragen, bekam der Sieger das beste Pferd aus der Herde des Verlierers. Die erfolgreichen Kriegstuten konnten nicht gekauft werden, sie hatten keinen Preis. Dafür konnte aber ihre Nachzucht gekauft und verkauft werden. Es gab kein grösseres Geschenk, als man bekam eine Arabische Stute geschenkt.

Der Wert einer Stute wurde vorwiegen über den Wert ihrer Mutterlinie definiert. Hengste mussten "nur" "Asil" sein. Besser war es jedoch seine Mutter war eine gefeierte Stute aus einer grossen Stutenfamilie. Den Namen der Stutenfamilien gab meist der beduinische Stamm oder Scheich der sie züchtete.

Geschichten über Mut, Ausdauer, Geschwindigkeit und Ruhm in grossen Schlachten trieben die Preise der Pferde in die Höhe. Bekannte Stuten waren Krush Kehilet, Kehilet Jellabiyat und Seglawi von Ibn Jedran. Deren Töchter waren so heiss begehrt, dass viele ihren Besitzer wechselten durch Diebstahl, Bestechung und Betrug. Doch wenige dieser Pferde erreichten den Ruhm ihrer Mütter.

"Al Khamsa" waren die fünf Gründerpferdefamilien der Arabischen Zucht. Zu ihnen gehörten "Kehilan", "Seglawi", "Abeyan", "Hamdani" und "Hadban". Andere weniger auserlesene Züchtungen waren "Maneghi", "Jilfan", "Shuwayman" und "Dahman". Unterlinien wurden nach einer gefeierten Stute oder dem Scheich, welcher einen erheblichen Zuchteinfluss auf diese Linien hatte, benannt.

Jeder Stamm der rein gezüchtet wurde, entwickelte seine eigenen Eigenschaften.

So war der Stamm Kehilan bekannt für Pferde mit tiefer Schulter, Kraft und Grösse. Die Durchschnittsgrösse eines reinen Kehilan wurde mit 15 Händen (152.4 cm) angegeben. Ihre Köpfe waren kurz mit einem ausgeprägten Araberknick und grossen Ganaschen. Überwiegende Farben waren grau und braun.

Der Seglawi war bekannt für seine feine Eleganz. Er hatte feine Knochen und einen längeren Kopf und Nacken als der Kehilan. Die Pferde waren erfolgreicher in kurzen und schnellen Rennen als auf längeren Distanzen und ihre durchschnittliche Grösse betrug 14,2 Hände (144.3 cm). Die vorherrschende Farbe war Fuchs mit weissen Abzeichen.

Der Stamm der Abeyan war dem Seglawi sehr ähnlich nur etwas feiner. Der reine Abeyan hatte häufig einen längeren Rücken als der heutige Araber, und er war eher klein, selten über 14,2 Hände gross. Es gab vor allem Schimmel mit Abzeichen.

Der Hamdani war schlicht, mit einem athletischen Körper und langen Röhren. Der Kopf war im Profil häufig gerade ohne ein extremes "Jibbah" und er war mit 15,2 Händen (154.4 cm) eine der grössten Züchtungen. Die Hauptfarben waren grau und fuchsfarben.

Der Hadban hatte ein feines Wesen. Er war eine kleinere Version des Hamdani. Hatte aber festere Knochen und ein muskulöseren Bau. Die durchschnittliche Höhe von einem Hadban war 14,3 Hände (145.3 cm) und die Primärfarben waren braun oder fuchsfarben mit seltenen, wenigen weissen Abzeichen.

Durch die Kriege mit den Türken und Barbaren kamen die Arabischen Pferde nach Europa. In Europa wurden vor allem kräftige Pferde gezüchtet, welche ihre Ritter und seine Rüstung zu tragen vermochten. Leichtere Pferde entstanden aus Kreuzungen mit Ponys. Diese hatten jedoch nichts gemeinsam mit den kleinen, leichtfüssigen Pferde ihrer Eindringlinge. Das Interesse an diesen östlichen Pferden wuchs zunehmend mit den fantastischen Geschichten über Stolz, Geschwindigkeit, Ausdauer und Springvermögen. Ein solches Pferd veredelte nicht nur die eigene Zucht, es brachte dem Besitzer auch Würde und Prestige. Die Europäer, vor allem aber die Adeligen reisten weite Strecken um ein solches Prachtpferd zu erwerben. So wurde der Araber Byerley Turk 1683, Darley Arabian 1703 und Godolphin (auch "Barb" genannt) 1730 nach England importiert. Diese drei Hengste bildeten die Grundlage, auf der die neue Zucht Thoroughbred (Englische Vollblutzucht) aufgebaut werden konnte. Heute gehen 93% aller Thoroughbreds auf diese drei Hengste zurück.

Das Arabische Pferd hatte Einfluss auf die Zuchten in ganz Europa und Russland. So wurden zB in Frankreich das Percheron und in Russland der Orlof-Trabers veredelt.

Obwohl die Beduinenstämme die Stammbäume ihrer Pferde nur mündlich weitergaben, waren sie die Ersten welche Stutbücher hatten und selektiv züchteten. Heute können die meisten der Arabischen Pedigrees auf die Beduinenzucht zurückverfolgt werden; "Desert Bred" steht für Reinzucht.

Ausserhalb ihres Ursprunglandes gibt es heute mehr Arabische Pferde als je zuvor.

Quelle:
http://www.arabianhorseamerica.com
http://www.horses.com.pl
http://www.imh.org